Chronik

1. Die Entstehung der Messerschmittsiedlung

Zur Einführung:

Aus einer Schrift 1931:

„Was muß der Siedler vor dem Siedeln wissen?“
„Wer heute seine Schritte vor die Tore einer Stadt lenkt, stößt an zahlreichen Stellen auf umfangreiche Neusiedlungen. Fast alle diese Siedlungen sind in den allerletzten Jahren entstanden, kaum eine reicht länger als zehn Jahre zurück. [...] Über die Ursache dieser Bewegung braucht nicht viel gesagt zu werden. Die Lage sämtlicher Siedlungen an der Peripherie der Städte zeigt, daß es sich durchwegs um Wohnsiedlungen handelt, entstanden aus dem Wunsche, dem städtischen Wohnungselend, dem aufreibenden Stadtleben zu entgehen und fern von allem Lärm Erholung und Kraft für neue Arbeit zu finden.“

Aus einer Schrift 1933:

„Vorstädtische Kleinsiedlung und Eigenheimbau“.
„Die vorstädtische Kleinsiedlung darf nicht als Kleinwohnungsbau, sondern muß als Siedlung aufgefaßt werden. Sie soll dem Siedler die Möglichkeit geben, sich zur Ergänzung seines sonstigen Einkommens den Lebensbedarf seiner Familie aus der Siedlerstelle zu erarbeiten. […] „Als unterste Größe für das Siedlungsgrundstück bezeichnen die Richtlinien 600 qm. Diese Fläche wird aber nur bei ganz besonders guten Bodenverhältnissen als ausreichend bezeichnet werden können. Schon bei mittleren Bodenarten wird eine wesentlich größere Fläche, in der Regel nicht unter 1000 qm erforderlich sein.“

„Als Siedler kamen nach den bisherigen Richtlinien nur Erwerbslose und unterstützte Kurz­arbeiter in Frage. In den neuen Richtlinien ist dieser Kreis insofern erweitert, als auch Kurzarbeiter berücksichtigt werden können, die keine Unterstützung beziehen. […]. Für die vorstädtische Kleinsiedlung gewährt das Reich auf Antrag niedrig verzinsliche Tilgungsdarlehen.“

Aus den Richtlinien des Reichsarbeitsministeriums vom 20. Februar 1933:

„Die Siedlerstellen müssen nach Größe, Bodenbeschaffenheit und Einrichtung geeignet sein, die Beschaffung des Lebensunterhalts für die Familien der Siedler durch den Ertrag der Grundstücke wesentlich zu erleichtern. Die einzelnen Stellen dürfen nicht unter 600 qm und sollen in der Regel nicht über 5000 qm groß sein. […].

Die Kosten für den Aufbau und die Einrichtung einer Stelle dürfen ausschließlich Grunderwerb 3.000 RM nicht übersteigen. […].

Die Reichsdarlehen sind für das Reich oder für eine von ihm bestimmte Stelle dinglich sicherzustellen und mit 4 % zu verzinsen und [mit] 1 % zu tilgen. Für die ersten drei Jahre wird der Zinssatz allgemein auf 3 % ermäßigt. Wenn neben dem Wert der Arbeit des Siedlers mindestens 30 % der Gesamtkosten der einzelnen Stelle von ihm oder dem Träger aufgebracht werden, kann der Zinssatz für die ganze Laufzeit des Darlehens bis auf 2 % ermäßigt werden. […].

Die Träger sind verpflichtet,

a) nach Abschluß der Bau- und Einrichtungsarbeiten die Siedlerstellen den Bewerbern miet(pacht)weise zu übertragen und ihnen einen Anspruch auf Übertragung der Grundstücke zu Eigentum oder in Erbbaurecht unter angemessener Anrechnung des Wertes der bei der Durchführung der Siedlung geleisteten Arbeit einzuräumen, falls die Siedler vom Beginn der Verzinsung des Reichsdarlehns an ihren Verpflichtungen drei Jahre hindurch nachgekommen sind und ihre Stelle während dieser Zeit ordnungsgemäß bewirtschaftet haben. [...]. Die Miete bzw. Pacht ist von der Übergabe der Siedlerstelle an zu zahlen.“

Die Anfänge der Messerschmittsiedlung

Der Zeitungssauschnitt vom Juli 1929 zeigt, dass die Breitwiese ehemals als Getreideacker genutzt wurde. Bild: Karl Wahl

Die Gemeinde Haunstetten beginnt mit der Besiedlung an der Breitwiesen- und an der Pflugstraße.

Am 13. November 1926 war in der ehemaligern Haunstetter Zeitung zu lesen:

„Käuflich erworben wurde von der Gemeinde […], ferner die ca. 42 Tagwerk große Breitwiese des Herrn Kaspar Settele.“ Danach wurde später die Breitwiesenstraße benannt.

Fünf Jahre später, am Freitag, 11. September 1931, erging eine Einladung in die Gastwirtschaft „Alpenrose“ (2012 „Girasole“) für Samstag, den 12. September 1931 zu einer Besprechung zwecks der Gründung einer Kleinsiedlergemeinschaft.

Alle Interessenten für eine Kleinsiedler-Genossenschaft wurden zu einer weiteren Besprechung für Samstag, 3. Oktober 1931, abends 8 Uhr in die Gastwirtschaft „Alpenrose“ (Wengenmeier) eingeladen.

Am 23. Oktober 1931 erging die Einladung zur Gründungs-Versammlung der Kleinsiedler für Sonntag, 25. Oktober 1931, nachmittags 3 Uhr im „Jägerhaus“ (Kaspar Settele). Die Gastwirtschaft Jägerhaus wurde im II. Weltkrieg durch einen Bombenvolltreffer total zerstört. Das Jägerhaus 2012 ist die ehemalige dazugehörige Gartenschänke.

Am 12. August 1932 stand in der Haunstetter Zeitung: „Teilweise wird das Getreide mit der Maschine des Herrn Sebastian Zerle gleich auf dem Felde gedroschen. Dies war auch der Fall auf dem 12 Tagwerk großen Roggenacker auf der „Breitwiese“. Derselbe wird mit Rücksicht auf die Notlage, in der sich viele Familien befinden, nicht abgerecht, sondern gleich zum „Ähren“ [Nachlesen] freigegeben.“ Bild: Sammlung Wahl

Im Juli 1932 war zu lesen:

„Die Gemeinde erhält eine beschränkte Anzahl von Darlehen für eine Kleinsiedlung. Die Interessenten werden für Mittwoch, 20. Juli 1932, 20 Uhr, zu einer Besprechung in den gemeindlichen Sitzungssaal im Schulhaus (2. Stock) eingeladen.“

Es meldeten sich 44 Interessenten. Das Schulhaus war die Eichendorffschule.

Am 29. Juli 1932 wurde bekanntgegeben:

„Deshalb kommen für sie auch nur Arbeitslose und Kurzarbeiter in Betracht. Den Siedlern soll durch die von ihnen und von Siedler-Helfern zu errichtende Stelle ein Heim geschaffen werden, das ihnen die Möglichkeit gibt, durch Gartenbau und Haltung von Kleintieren den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie leichter zu bestreiten. [...].10 Siedlungsdarlehen sind in Aussicht gestellt.“

In der Haunstetter Zeitung vom 29. Juli 1932 war zu lesen:

„Nun soll erfreulicherweise in nächster Zeit auch in unserer Gemeinde etwas Gleiches geschehen [nämlich sogenannte Kleinsiedlungen zu erstellen]. 10 Siedlungsdarlehen sind in Aussicht gestellt. Am vorletzten Mittwoch fand im Sitzungssaale eine Besprechung statt, zu der alle Interessenten eingeladen waren. Es kamen mehr, als man erwartet hat, so daß das Lokal gar nicht alle fassen konnte. Nach ausführlichen Erläuterungen durch Herrn Bürgermeister Widmeier ließen sich nicht weniger als 44 Siedler vormerken, ein Beweis, daß nicht nur Bedarf an solchen Siedlungen besteht, sondern auch Neigung hiezu vorhanden ist. Es wird nun schwierig sein, aus diesen 44 Bewerbern 10 Personen auszuwählen, die schon heuer zum Zuge kommen sollen. Es ist zu erwarten, daß auch im nächsten Jahre vom Reich wieder Siedlungsdarlehen ausgegeben werden und es wäre zu wünschen, daß dann auch nach Haunstetten wieder ein größerer Betrag davon kommt.“

Am 12. August 1932 stand in der Haunstetter Zeitung:

„Teilweise wird das Getreide mit der Maschine des Herrn Sebastian Zerle gleich auf dem Felde gedroschen. Dies war auch der Fall auf dem 12 Tagwerk großen Roggenacker auf der „Breitwiese“. Derselbe wird mit Rücksicht auf die Notlage, in der sich viele Familien befinden, nicht abgerecht, sondern gleich zum „Ähren“ [Nachlese] freigegeben.“

Am 19. September 1932, morgens um 7 Uhr wurde der erste Spatenstich für die Siedlungshäuser auf der Westseite der Breitwiesenstraße getan. Danach wurde mit dem Ausheben der Baugruben für die ersten fünf Doppelhäuser von Norden her begonnen. Sie wurden in gemeinschaftlicher und gleichzeitiger Arbeit erstellt. Die Gemeinde beschäftigte dabei auch arbeitslose Maurer und Zimmerleute gegen einen geringen Lohn, obwohl sie ja Fachkräfte waren. Dann wurden alle anderen Arbeiten immer an allen fünf Häuser gleichzeitig erledigt, so daß alle fünf Doppelhäuser gleichzeitig 1933 fertig waren und bezogen wurden. Die meiste Arbeit wurde von den arbeitslosen und mittellosen zukünftigen Siedlern selbst erledigt.

Jede Familie sollte ursprünglich 2.800 Stunden an dem Gemeinschaftsprojekt mitarbeiten. Dieses Soll wurde später auf 2.400 Stunden herabgesetzt. Die Arbeitsstunden wurden schriftlich festgehalten. Die Regie hatte die Gemeinde Haunstetten übernommen und zwar Bürgermeister Widmeier, der immer wieder auch einmal eine Stunde oder gar einige Stunden selbst mitarbeitete.

Die Häuser wurden völlig identisch gebaut. Den Plan hatte Architekt Settele erstellt. Die Kleintierhaltung war Pflicht für die Siedler, deshalb auch die Anbauten auf der Westseite der Häuser. Diese fünf Häuser waren die erste derartige Siedlung in Deutschland, die zugleich als Mustersiedlung nach dem Reichsheimstättengesetz *) vom 10. Mai 1920 galt. Die Grundstücke mit den Häusern wurden erst nach Ablauf der Probezeit (1939) durch einen „Kauf- mit Heimstättenvertrag“ mit der Gemeinde Haunstetten als „Träger und Heimstättenausgeber“ endgültig zum Eigentum der Siedler.

Die Besitzer der ersten fünf Doppelhäuser an der Breitwiesenstraße von Norden her waren Eisinger und Lindner, Lechner und Kagerer, Herz und Rampp, Bayer und Däubler, Heim und Rösele.

Das nördlichste Haus steht gegenüber der Einmündung der Jahnstraße und zwar etwas nördlich der Einmündung.

 

 

 

Die ersten fünf Doppelhäuser an der Breitwiesenstraße sind im Rohbau fertig. Aufnahme von Süd-Westen her. Ganz rechts ist im Hintergrund der Kamin der ehemaligen Spinnerei und Weberei Haunstetten zu sehen. Bild: Sammlung Wahl

Das sechste Doppelhaus (Wagner und Gais) wurde 1933/34 erbaut. Wagner ist im Herbst 1933 eingezogen und Gais im Frühjahr 1934. Die weiteren drei Häuser nach Süden hin wurden 1935 in der gleichen Art und Weise erbaut. Die neuen Hausbesitzer an der Westseite der Breitwiesenstraße ­durften dann solange, bis auch an der Ostseite der Pflugstraße gebaut wurde, die Grundstücke bis zur Pflugstraße als Gartenland mitbenutzen. Jeder Gartenzaun (Staketenzäune) auf der Westseite hatte zu diesem Zweck ein kleines Tor.

*) Zum Begriff Heimstätte:

Das machte in Deutschland nach dem I. Weltkrieg Schule, als es um die Versorgung von Kriegshinterbliebenen und Kriegsveteranen ging. Später wurden auch Arbeits- und Mittellose damit gefördert.

Heimstätte: Grundeigentum, das von staatlichen oder gemeinnützigen Institutionen an „heimstättenfähiger Personen“ (Kriegshinterbliebene und Vertriebene, kinderreiche Familien u.a.) zu niedrigen Preisen abgegeben wurde, ursprünglich geschaffen, um der Zusammenballung in Mietskasernen zu begegnen. Der Heimstättengedanke, der von den USA ausging, wo 1862 ein „Homestead Law“ verabschiedet wurde, das die Förderung des Erwerbs von Einfamilienhäusern vorsah, wurde in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts besonders von der Bodenreform-Bewegung gefördert. Das Reichs-Heimstät-tengesetz vom 10. Mai 1920 unterscheidet Einfamilienhaus und Garten und Wirtschaftshaus mit Landwirtschaft oder Gärtnerei, die ohne fremde Hilfe betrieben werden. Die Heimstätteneigenschaft wird in das Grundbuch eingetragen und beschränkt das Veräußerungs-, Beleihungs- und Zwangsvollstreckungsrecht.

1927 wurde der Deutsche Siedlerbund als Spitzenverband zur Förderung und Erhaltung von Kleinsiedlungen und Familienheimen gegründet. Die Nationalsozialisten hielten sich diese Gründung zugute und datierten sie später auf das Jahr 1934 um! Die Aufgaben der Heimstätten-Organisation verlagerten sich nach dem II. Weltkrieg zunehmend auf den Bereich der Stadt- und Dorferneuerung.

Das Bauholz für die Siedlung wurde von der Regierung aus dem Forstamtsbezirk Bergheim zur Verfügung gestellt.

Bürgermeister Xaver Widmeier gab am 18. November 1932 bekannt:

„Ich sehe mich veranlaßt, wiederholt darauf hinzuweisen, daß ich zurzeit und auch in den kommenden Monaten tagsüber meist auf der Baustelle der Kleinsiedlung zu tun habe. Durch die Einführung des Freiwilligen Arbeitsdienstes ist es mir möglich, ca. 30 Leute unter 25 Jahren über ein halbes Jahr lang zu beschäftigen und ihnen dadurch einen – wenn auch sehr bescheidenen – Verdienst zu verschaffen [,...]“.

Aus der Haunstetter Zeitung im Dezember 1932:

„Tatsache ist, daß innerhalb 3 Monaten 5 Doppelhäuser, also 10 Wohnungen von den Siedlern und Handwerker-Helfern mit Hilfe des freiwilligen Arbeitsdienstes erstellt wurden. [...].

Es ist Voraussetzung, daß der Siedler Kleintierzucht betreibt, um die Lebenshaltung für sich und seine Familie zu erleichtern. Es wurde daher jedem Haus ein Grundstück mit ca. 22 Dezimal beigegeben. [...] ob der Siedler den anfallenden Zins aufbringen kann. Die Höhe desselben beträgt ungefähr 14 RM [Reichsmark] pro Monat einschließlich Tilgung. [...].

Für ein Haus stehen aus Reichsmitteln nur 2.500 RM zur Verfügung, die auch für die Fertigstellung ausreichen müssen. [...].

Sehr günstig wirkt sich natürlich die Mithilfe des freiwilligen Arbeitsdienstes aus. Die Fertigstellung der 5 Doppelhäuser im Rohbau geschah innerhalb 3 Monaten und wurde von insgesamt 55 Beschäftigten, die allerdings nicht alle regelmäßig anwesend waren, getätigt. Hierunter befanden sich 8 Maurer und 4 Zimmerleute, während die anderen als Bautaglöhner oder Hilfsarbeiter beschäftigt waren. [...].

Ergänzend sei bemerkt, daß es nach Über­windung von großen Schwierigkeiten sogar noch möglich war, 2 Einfamilienhäuser mit Stallung (Klemm und Klepper) zu errichten. [...], daß Haunstetten bis heute noch die einzige Landgemeinde ist, welche solche Darlehen erhielt. [...].

Während der Bauzeit widmete er sich [Bürgermeister Xaver Widmeier] Tag für Tag der Siedlung, für den freiwilligen Arbeitsdienst Arbeit und [für] mehrere Familien anständige Wohnung schaffend. [Architekt: Karl Settele]. [...].

Die Verteilung der Häuser wurde mit gegenseitigem Einverständnis der Siedler bereits vorgenommen. die Namen der Bezieher, die sich sicher schon alle auf den Tag der Fertigstellung freuen, sind folgende. Peter Rösele, Ulrich Heim, Johann Däubler, Franz Bayer, Hans Rampp, Franz Herz, Eduard Kagerer, Stefan Lechner, Adam Lindner, Anselm Eisinger, Jakob Klemm, J. Klepper.“

Aus der Haunstetter Zeitung vom 12. Dezember 1932:

„Der Gemeinderat vollzieht den durch Vermittlung der Zweigniederlassung München der deutschen Bau- und Bodenkreditbank übersandten Vertrag über zwei weitere Kleinsiedlungsdarlehen mit zusammen 5.000.- RM und genehmigt ausdrücklich die Aufnahme dieses Darlehens. [...].

Die vom Reich gewährten Kleinsiedlungsdarlehen werden durch Eintragung einer Hypothek auf der Breitwiese dinglich sichergestellt. [...].

Die Jahnstraße soll bis zu der Kleinsiedlung auf der Breitwiese verlängert werden. Nördlich dieser neuen Straßenführung werden 13 Parzellen als Mietgärten zur Bewerbung freigegeben.“

Aus der Haunstetter Zeitung vom 12. Mai 1933:

„[...] der Freiwillige Arbeitsdienst, der seit September vergangenen Jahres[also Sept. 1932] beim Bau der [Breitwiesen-] Siedlung mitgearbeitet hat [...].“

In Haunstetten gibt es noch keine Ortsgruppe, jedoch eine „Stützpunkt-Leitung der NSDAP“. (Obwohl am 11. Dezember 1931 in der Zeitung steht „Der Ortsgruppenführer“).

Am 24. Mai 1933 wurde das erste von zehn Einfamilienhäusern auf der Breitwiese bezogen. „Das zweite Siedlungshaus wurde am Donnerstag, den 1. Juni 1933 bezogen“.

Aus der Haunstetter Zeitung vom 9. Juni 1933:

„So hat sich auch hier Ende September des vergangenen Jahres [1932] eine Schar zusammengefunden, die beim Bau der Siedlung tatkräftig mit Hand anlegte. 37 Wochen sind darüber vergangen und nun muß Schluß gemacht werden. 73 junge Leute im Alter von 16 – 25 Jahren haben teils längere, teils kürzere Zeit dem Freiwilligen Arbeitsdienst Haunstetten angehört und gegen verhältnismäßig bescheidene Entlohnung wertvolle Arbeit geleistet. Der Gemeinderat hat es sich daher auch nicht nehmen lassen, ihnen zum Abschied eine Freude zu bereiten. Die Abschiedsfeier findet am Sams­tag, den 17. Juni 1933 abends 8 Uhr im Saalbau „Jägerhaus“ statt. Bei der­selben wird das 15 Mann starke Haunstetter Orchester unter der Leitung des Herrn Heß zum ersten Male an die Oeffentlichkeit treten.“ 

Aus der Anzeige:
„Abschiedsfeier mit Konzert, Theater und Aufführungen.“ „Verein für Volksgemeinschaft des Freiwilligen Arbeitsdienstes: Anton Mantl, Josef Merk.“

Noch sind von der Siedlung nur die Häuser an der Breitwiesenstraße zu sehen. Deshalb im Juni 1933: ”Der Graswuchs auf den Breitwiesen soll am kommenden Montag, den 15. ds. versteigert werden.”

Aus der Haunstetter Zeitung vom 23. Juni 1933:

„Die Gemeinde Haunstetten hat im September vorigen Jahres mit der Einführung des Freiwilligen Arbeitsdienstes begonnen. Führer desselben war 1. Bürgermeister Widmeier. 76 junge Leute im Alter von 16 bis 25 Jahren haben sich erfreulicher Weise in den Dienst der Sache gestellt. Diese Arbeitsfreiwilligen waren beim Bau von Siedlungen, Errichtung von Mietgärten, Straßenbau und Wasserleitungen beschäftigt. Wöchentlich wurde 40 Stunden gearbeitet. Der Freiwillige Arbeitsdienst in Haunstetten nahm eine Zeit von 38 Wochen in Anspruch. [...].

Zum Abschluß des Arbeitsdienstes in Haunstetten wurde nun am letzten Samstag im Saale des „Jägerhauses“ eine würdige Feier veranstaltet.“

Es spielte die „NS-Kapelle“.

Am 21. Juni 1933 wurde bekanntgegeben:

„Laut Mitteilung des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit kann mit dem Bau der Siedlungen für Wagner Josef, Gais Michael, […] sofort begonnen werden.“

22. Juli 1933: Bekanntmachung von Bürgermeister Widmeier.

„An die Siedler auf der Breitwiese!
Verschiedene unliebsame Vorkommnisse der letzten Zeit veranlassen mich zu nachstehenden Zeilen. Wie den Siedlern bekannt ist, muss jeder eine gewisse Zahl von Arbeitsstunden leisten, die ursprünglich auf 2.800 Stunden festgesetzt war, verhältnishalber zu Gunsten der Siedler aber auf 2.400 Stunden herabgesetzt werden soll. An der Leistung dieser 2400 Stunden muß unbedingt festgehalten werden. Die 10 Siedler, welche ihre Wohnungen schon bezogen haben, sind daher verpflichtet an den Siedlungsbauten Gais/Wagner und Speng­ler mitzuarbeiten. Die nötigen Anweisungen trifft während meiner Abwesenheit Herr Archi­tekt Settele, dem unbedingt Folge zu leisten ist. Es wäre durchaus falsch, wenn die Siedler glauben würden, dass sie jetzt denen ein Haus bauen sollen, welche ihnen auch nicht geholfen haben; sie schaffen in Wirklichkeit nicht für diese, sondern für sich selbst, da sie ja ihre erforderliche Stundenzahl erreichen müssen. Um Missverständnissen vorzubeugen bemerke ich ausdrücklich, dass nur mit demjenigen Siedler ein Vertrag abgeschlossen wird, der seinen Pflichten in jeder Beziehung gerecht wird. Ich bemerke weiterhin ausdrücklich, dass bis auf weiteres nur diejenigen Arbeitsstunden aufgeschrieben werden, welche an den obengenannten Siedlungsbauten geleistet werden. Andere Arbeiten dürfen zur Zeit auf die Pflichtleistungsstunden nicht in Ansatz gebracht werden. [...]“

Unterschrift Widmeier.

Kenntnis genommen: 12 Unterschriften, und zwar:
1., Kagerer, Eduard, 2., Lechner, Stefan, 3., Deubler, Johann,
4., Anselm Eisinger, 5., Hans Rampp, 6., Franz Beyer, 7., Josef Wagner,
8., Michael Gais, 9., Peter Rösele, 10., Adam Lindner, 11., Franz Xaver Herz, 12., Ulrich Heim, Klemm, Spengler.

Im September 1933 beschließt der Gemeinderat die Annahme des vom Staatsministerium in Aussicht gestellten weiteren Siedlungsdarlehens von 13.800 RM zur Errichtung von sechs Siedlerstellen.

Bekanntmachung am 3. November 1933:

„Für die an die Siedler zur Selbsterntung abgegebenen Kartoffeln aus dem gemeindlichen Grundstück an der Breitwiese hat jeder derselben einen Betrag von 12.- RM zu entrichten.“

„Von dem Bescheid des Staatsministeriums, wonach weitere 6 Kleinsiedlerstellen auf der Breitwiese genehmigt sind, wird Kenntnis genommen. Mit den Siedlungsarbeiten wird sofort begonnen.“

Die Häuser an der Breitwiesenstraße ab 1933. Bild: Sammlung Wahl

Ab 1934 wurden die Messerschmitt-Flugzeugwerke erbaut, wodurch tausende Arbeitsplätze entstanden. „Siedler aus fast allen Teilen Deutschlands ließen sich damals in Haunstetten nieder, weil sie bei den Messerschmitt-Flugzeugwerken einen Arbeitsplatz fanden.“

Die rasante Entwicklung der Flugzeugwerke und die Frage der nahen Unterbringung der Arbeiterfamilien bei den Werken waren der Anlaß für die Erweiterung der Siedlung. Die Direktion der damaligen Bayerischen Flugzeug-Werke, die spätere Messerschmitt AG, hat das Wohnbedürfnis ihrer Belegschaft nicht nur mit der Erstellung von Mietwohnungen befriedigt, sondern auch eine große Siedlung schaffen lassen, in der sich Arbeiterfamilien aus der engeren Heimat und darüber hinaus aus fast ganz Deutschland niedergelassen haben. Die Firma hat damit Fach- und Stammarbeiter in der Nähe angesiedelt, auch in der Hoffnung, sie auf längere Zeit an sich zu binden.

Die ab 1932 entstandenen Häuser der Breitwiesenstraße wurden in den Namen „Messerschmittsiedlung“ einbezogen, ebenso die Häuser auf der Ostseite der Pflugstraße.

Die ganze Häuserzeile auf der Ostseite der Pflugstraße wurde von 1934 bis 1939 erbaut. Die ersten vier Einzelhäuser von Norden her im Jahr 1934, weitere drei Einzelhäuser daran anschließend von Norden her im Jahr 1937. 1938 wurde dort kein Haus erbaut. 1939 wurden fünf Einzelhäuser und ein Doppelhaus erbaut.

Die ersten vier Häuser an der Pflugstraße, Ostseite und von Norden her, wurden als Siedlungshäuser wie diejenigen an der Breitwiesenstraße erbaut. Die weiteren Häuser auf der Ostseite der Pflugstraße wurden privat gebaut. Die Gemeinde verkaufte die Grundstücke und dann wurde von den Käufern darauf gebaut oder bauen lassen. Das Haus Pflugstraße 22 (Leder) wurde 1939 fertig.

Brandversicherungsurkunde vom 11. Oktober 1935 für das erste Haus der späteren Messerschmittsiedlung, Breitwiesenstraße 5, Ehepaar Eisinger. Bild: Karl Wahl

Es folgen nun so viele Bekanntmachungen der Gemeinde sowie in der Haunstetter Zeitung, dass nur noch das jeweilige Datum angegeben wird.

29. März 1935:
„Das gemeindliche Darlehen für die Siedlung auf der Breitwiese des zweiten Bauabschnittes wird auf 700 RM pro Siedlerstelle festgesetzt.“

17. Mai 1935:
„Die Gemeinde hat in den vergangenen Jahren 22 vorstädtische Kleinsiedlungen fertiggestellt. Die von der Gemeinde zum Bau dieser Kleinsiedlungen gegebenen Darlehen belaufen sich auf zusammen 20.800 RM.

24. Mai 1935: 
„Bekanntlich wird in diesem Jahr noch die Siedlung an der Breitwiesen­straße erweitert. Diese erhält ebenfalls Anschluß an die gemeindliche Wasserleitung. Zu diesem Zweck wird der Rohrstrang in der Ritter von Eppstraße [2012 Kopernikusstraße] um nahezu 600 Meter verlängert. Dadurch wird das Gelände zu beiden Seiten dieser Straße baureif gemacht.

12. Juli 1935: 
„Die Verlängerung der Wasserleitung in der Ritter von Epp-Straße bis zur geplanten Erweiterung der Siedlung auf der Breitwiese ist fertiggestellt.“

30.11.1935: 
„Die Siedlungen […] und an der Pflugstraße [Ostseite] sind fertiggestellt und bezogen. 9 Familien haben damit wieder eine ideale Heimstätte gefunden, wie wir sie jedem unserer Volksgenossen wünschen möchten. [...]. Die Zahl der Siedlungen hat sich nun in unserer Gemeinde auf 31 erhöht. Gegenwärtig befinden sich weiter vier Doppelhäuser (8 Wohnungen) Im Bau.“

Im Jahr 1936:
„Die Gemeinnützige Baugesellschaft Bayerische Flugzeugwerke plant den Bau von 125 Einzelsiedlungen und von 18 Reihenhäusern. Die Ausführung wird der ‚Bayerische Heimstätte GmbH., Treuhandstelle für Wohnungs- und Kleinsiedlungswesen’ übertragen.“

Im Jahr 1936: 
„Baubeginn für die eigentliche Messerschmittsiedlung war 1936“. Das waren die Siedlerstellen (Kleinsiedlungsstellen) und zwar die Einzelhäuser nördlich der Flachsstraße in der Pflugstraße (Westseite), Eggen-, Sensen-, Sichel-, Sämann-, Schnitter- und Rechenstraße.

Im Jahr 1936: 
„Mit dem Bezug der Messerschmittsiedlung wurde erstmals die Haunstetter Stromversorgung mit den LEW verbunden, wodurch Haunstetten teilweise mit Drehstrom versorgt wurde“.

Im Jahr 1936: 
„Nicht weniger als 32 Familien sind bisher in unserem Orte schon angesiedelt worden.“

31. Januar 1936: 
„Dem Vernehmen nach sollen noch im Laufe dieses Jahres durch die Baugenossenschaft der Bayerischen Flugzeugwerke nicht weniger als 125 Einfamilienhäuser mit Gärten errichtet werden. [...]. Das ganze Gebiet wird an die gemeindliche Elektrizitäts- und Wasserversorgung angeschlossen.“

22. Mai 1936:
„Mit der Vermessung des Geländes auf der Breitwiese, auf welchem die Wohnsiedlung der gemeinnützigen Baugenossenschaft Flugzeugwerke zu stehen kommt, wurde am vergangenen Montag begonnen. Es scheint also jetzt Ernst damit zu werden.“

12. Juni 1936: 
„Es steht nunmehr fest, daß heuer noch 5 Siedlungen gebaut werden sollen“.

25.09.1936: 
„Genehmigt wurden drei Siedlerhäuser in der Pflugstraße“.

27. November 1936: 
„Mit dem Bau der Siedlung für die Bayerischen Flugzeugwerke ist es nun ernst geworden. Die Durchführ­ung wurde der Bayerischen Heimstätte in München, Barerstraße 20, übertragen. Die Verlegung der Haupt­leitungen für die Wasserversorgung ist nahezu beendet. In den letzten Tagen wurden Bauhütten aufge­stellt, da mit den Erd- und Maurerarbeiten sofort begonnen werden soll. Die Aufträge sind an die ­Bauge­schäfte und Hand-werksmeister schon hinausgegeben. Eine Baukantine gelangt ebenfalls zur Aufstellung. Es wird nun in den nächsten Wochen und Monaten auf dem Gelände der Breitwiese recht lebendig wer­den, denn bis zum Mai nächsten Jahres müssen die Siedlungen bezugsfertig sein. Der Fortschritt des Baues ist natürlich um diese Jahreszeit ganz besonders vom Wetter abhängig. Sofern dasselbe einiger­maßen annehmbar ist, werden wir bald Dutzende von Siedlungshäusern aus dem Boden wachsen sehen. Es sind nun gerade 4 Jahre her, seit auf der Breitwiese das erste Siedlerhaus unter Dach gekommen ist. Wer hätte damals gedacht, daß schon so bald ein ganzes Dorf daraus werden würde.“

Jede Siedlerstelle der BFW-Siedlung hat 900 qm Grund.

Die Baukantine

Die ehemalige Baukantine, später nur noch Kantine genannt. Darin fanden vielerlei Veranstaltungen statt wie Tanzabende, Faschingsbälle, Versammlungen usw. Bild: Sammlung Wahl

 

1. Dezember 1936:

„Der Metzger Leonhard Meitinger betreibt seit dem 1. Dezember 1936 die Bau-Kantine anläßlich der Erbauung der Wohnsiedlung der B.F.W. an der Ritter-von-Epp-Straße und Pflugstraße. Die offizielle Erlaubnis hierzu wird ihm 28. Januar 1937 erteilt.“ (B.F.W. = Bayerische Flugzeug-Werke).

Das Bezirksamt Augsburg beschließt am 28. Januar 1937:

„I. Der Metzger und Schenkkellner Leonhard Meitinger geb. am 5.12.1907 zu Bocksberg, BA. Wertingen, wohnhaft in Augsburg D 160, erhält die Erlaubnis zum Betrieb einer Baukantine b. d. Wohnhaussiedlung an der Ritter v. Epp- [2012 Kopernikusstraße] und Pflugstraße in Haunstetten mit der Befugnis zum Ausschank von Getränken aller Art in nachstehenden Räumen: 1 Wirtschaftsraum, 1 Vorratsraum, 1 Abortanlage [...]. Die am 7.1.37 erteilte vorläufige Erlaubnis erlischt mit Heutigem.

II. [...] Meitinger hat unterm 26.12.36 um die Erlaubnis zum Betrieb der vorbezeichneten Baukantine in Haunstetten nachgesucht.“

Niederschrift vom 21. Mai 1937:

„Erscheint der Kantinenführer Leonhard Meitinger, wohnhaft in Augsburg D 160 und erklärt: Mit Beschluß des Bezirksamts Augsburg vom 28.1.37 No. 788 erhielt ich die Erlaubnis zum Betrieb einer Baukantine bei der Wohnhaussiedlung an der Ritter v. Epp- und Pflugstraße mit der Befugnis zum Ausschank von Getränken aller Art erteilt. Die Bewohner der in der Nähe der Baukantine errichteten Siedlungs- und sonstigen Wohnhäuser wünschen nun in Anbetracht der großen Entfernung zu einem anderen öffentlichen Wirtschaftsbetrieb ihren Bedarf an Bier aus der von mir betriebenen Baukantine zu decken, weshalb ich bitte, die eingangs erwähnte Erlaubnis dahin ausdehnen zu wollen, daß ich auch an Verbraucher ausschenken darf, die an den Siedlungsbauten nicht beteiligt sind und zwar insolange bis dort eine öffentliche Wirtschaft errichtet wird.“

22. Mai 1937:

„[...] ohne Erinnerung [Einwände oder Bedenken] gegen die Erteilung der nachgesuchten Konzessionserweiterung. Die Genehmigung kann jedoch nur eine solche mit zeitlicher Beschränkung sein und muß ihre Wirksamkeit wieder verlieren, wenn im Herbst ds. Jhrs. oder im Frühjahr kd. Jhrs. [kommenden Jahres] in fragl. Baugebiet eine öffentliche Wirtschaft errichtet wird. Haunstetten, den 22. Mai 1937.“

26. Juli 1937:

„Meitinger will szt. [seinerzeit] den Betrieb der in der Nähe der BFW.-Wohnsiedlung neu zu errichtenden Schankwirtschaft und Metzgerei übernehmen. Diese Wirtschaft wird spätestens in 1 Jahr erstellt sein. Haunstetten, den 26. Juli 1937.“

Die Baukantine wurde mit dem Beginn der Bauarbeiten an der „Heimbausiedlung“ ab 1938 an die Flachsstraße verlegt. Siehe hierzu den Abschnitt „Von der Baukantine zum Postbräustüberl“

Die Messerschmittsiedlung entsteht

Der Träger der Baumaßnahmen für die 125 Siedlungshäuser war die „Bayerische Heimstätte G.m.b.H., Treuhandstelle für Wohnungs- und Kleinsiedlungswesen“. Der Träger räumte den Siedlern eine Anwartschaft auf die Übertragung einer Kleinsiedlung ein. Die erforderlichen Eigenmittel wurden durch ein Werksdarlehen der Fa. Messerschmitt erbracht. Bis zur Eigentumsübertragung mußte Miete gezahlt werden, in der auch Zins und Tilgung für das vom Träger zur Errichtung der Siedlung aufgenommene Reichsdarlehen bei der „Deutsche Bau- und Bodenbank AG“ enthalten waren.

Der Träger überließ den Siedlern für eine Probezeit von 3 Jahren ab der Bauabnahme die Klein­siedlung mit der Absicht, sie bei erwiesener Eignung der Siedler als Reichsheimstätte zu übertragen. Bei der Eigentumsübertragung mußte der noch offene Anteil bei der „Deutsche Bau- und Bodenbank AG“ hypothekarisch übernommen werden. In allen Fällen wurde das noch offene Darlehen auf die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank übertragen. Nach dem II. Weltkrieg mußten die Siedler das Werksdarlehen der Fa. Messerschmitt an die Treuhandgesellschaft oder an die Fa. Messerschmitt zurückzahlen, was für die meisten nicht ganz einfach war.

11. Dezember 1936:

„Auf dem Siedlungsgelände der BFW auf der Breitwiese sollen nachstehende Geschäfte errichtet werden:
Kolonialwarenhandlung [Ruppert, Süd-Ost-Ecke Breitwiesenstraße / Im
Felde. Diese Straße begann genau gegenüber der Flachsstraße und verlief nach Osten, sie besteht nicht mehr. Das Geschäft bestand in der südlichen Baracke an der Straße Im Felde und zwar am Westende bei der Breitwiesenstraße. Nach dem Krieg baute Ruppert südlich daneben ein Haus].
Bäckerei [Mayr, Nord-Ost-Ecke Flachsstraße / Eggenstraße, am Westende der Verbreiterung der Flachsstraße, im Volksmund der Bäck-Mayr-Platz].
Milchverkaufsstelle [Spreitler, Süd-Ost-Ecke Kopernikusstraße / Pflugstra
ße, [Anton Spreitler hatte zwei Geschäfte nebeneinander, er eröffnete das
Milchgeschäft am 1. Mai 1938 und das Lebensmittelgeschäft am 5. Mai
1938].
Metzgerei. Für die drei Erstgenannten sind schon Interessenten gemeldet, dagegen nicht für den Metzgereibetrieb.“ [Festerling, Nord-West-Ecke Flachsstraße / Eggenstraße].

Die Brandversicherungsurkunde für das Haus Sensenstraße 13 vom
15. Juni 1937 Bild: Sammlung Wahl

26. Februar 1937:

„BFW-Siedlung“ [Bayerische Flugzeugwerke-Siedlung].
6 Baufirmen, 125 Siedlerstellen und 18 Reihenhäuser. Bauträger: „Bayerische Heimstätte G.m.b.H. in München.

Am 27. Februar 1937 war um elf Uhr das Richtfest (Hebauf) für die 125 Einzel- und 18 Reihenhäuser. Bauträger: Bayerische Heimstätte GmbH, München. Die 18 Reihenhäuser wurden von der „Heimbau Bayern“ errichtet. Dies ist zugleich das offizielle Gründungsdatum der Messerschmitt-Siedlung.

Zeitungsbericht vom 5. März 1937 über das Richtfest:

„Tannengrün umrahmte das an der Giebelseite eines Häuschens angebrachte Führerbild, vor dem sich der offizielle Teil der Feier abwickelte. Lustig flatterten die Hakenkreuzfahnen im Winde [...].“

Am Freitag, 12. März 1937 fand eine Zusammenkunft der Siedlergemeinschaft statt. Bisheriger Siedlerführer war Justin Haggenmüller. Neuer Siedlerführer ist Josef Robl.

23. April 1937:

„Als die Gemeindesiedlung auf der Breitwiese entstand, da hat man der dortigen Straße ganz richtig den Namen Breitwiesenstraße gegeben. Und als diese Siedlung erweitert wurde, da wollte man auch durch die anderen Straßennamen an die einstmals hier betriebene Landwirtschaft erinnern.“

Die Straßen heißen Flachs-, Pflug-, Eggen-, Sensen-; Sichel-, Rechen-, Sämann- und Schnitterstraße.

25. Juni 1937:

„Die BFW-Siedlung wird gegenwärtig bezogen. Eine ganze Reihe von Familien hat schon ihren Einzug gehalten.“

23. Dezember 1937:

„Die Reihenhausgrundstücke an der Sämannstraße werden an die Bewohner derselben käuflich überlassen. Die Verbriefung findet am 29. Dezember 1937 statt.“

„Für einen Teil der Siedler an der Breitwiesenstraße ist die 3jährige Probezeit abgelaufen. Nachdem sich dieselben bisher bewährt haben, werden ihnen die Siedlungen in nächster Zeit nunmehr als Eigentum übertragen.“

Die Sensenstraße um 1937/38 Aufnahme von Süden nach Norden.
Bild: Sammlung Wahl

1938:
Die Gemeinnützige Baugesellschaft „Heimbau Bayern“ errichtete 1938/39 die „Heimbausiedlung“. Im Volksmund allgemein auch als Messerschmittsiedlung bezeichnet. Areal: Breitwiesenstraße – Flachsstraße – Rechenstraße – Hofackerstraße. (im Jahre 2012: IGEWO u. Co. Wohnungsbauunternehmen KG, München). Mit Beginn der Bauarbeiten für die Heimbausiedlung wurde die Baukantine verlegt an die Flachsstraße. Später wurde auf der Stelle das „Postbräustüberl“ erbaut.

1938:
Im Sommer 1938 wurde in rund 2.000 freiwilligen Arbeitsstunden aus Abbruchmaterial das Lagerhaus an der Sämannstraße erbaut. Darin wurden eingelagert Düngemittel, Düngekalk und vieles Andere, was für den Garten benötigt wurde. Auch Hühnerfutter wurde eingelagert. Eine Knochenmühle stand auch darin. Damit wurden Knochen zermahlen, was dann dem Hühnerfutter beigegeben wurde.

1938:
Durch die Umbenennung der „Bayerischen Flugzeugwerke“ in „Messerschmitt AG“ erhält die Siedlung endgültig den Namen „Messerschmitt-Siedlung“.

21. Januar 1938:

„Erwähnt sei noch, daß die durch die Flurbereinigung geschaffene Breitwiesenstraße in 3 Teile aufgeteilt ist. Die südlich bei der Inningerstraße beginnende Strecke heißt Boelckestraße [2012 Neue Straße], das Stück bei der Siedlung Breitwiesenstraße bis zur Ritter von Eppstraße (2012 Kopernikusstraße] und der hier beginnende nördliche Teil Olympiastraße.“

25. Oktober 1938:
Schreiben der „Bayerische Heimstätte GmbH (Treuhandstelle für Wohnungs- und Kleinsiedlungswesen)“ vom 25. Oktober 1938 an die „Kleinsiedler in
Haunstetten (Typ II b)“:

„Nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen dreijährigen Probezeit werden wir uns we­gen Übertragung des Eigentums an der Siedlerstelle …“.

28. Oktober 1938:

„Dem Bäckermeister Frz. Xaver Mayr in Augsburg wird an der Flachsstraße ein Bauplatz zur Errichtung einer Bäckerei käuflich überlassen, nachdem die dortige Siedlung um mehrere hundert Wohnungen nach Süden vergrößert wird.“

1939 und 1940 wurde die „Heimbausiedlung“, bestehend aus 93 Ein- und Mehrfamilienhäusern für Werksangehörige der Messerschmitt AG fertiggestellt. Eigentümer ist die „Gemeinnnützige Baugesellschaft mbH, „Heimbau Bayern“.
Das sind die ehemaligen Straßen: Westseite der Breitwiesenstraße von der Flachs- bis zur Hofackerstraße, Amsel-, Drossel,- Fink-, Star- und der südliche Teil der Rechenstraße. (2012 heißen die Straßen in der gleichen Reihenfolge Breitwiesen-, Tauben-, Goldammer-, Brachvogel-, Star- und Rechenstraße).

Am 12. Januar 1939 war die notarielle Beurkundung der Grundstücke für die 600 Wohnungen der „Heimbausiedlung“. Sie wurden nach der Fertigstellung von Angehörigen der Messer­schmitt­werke bezogen.

20. Januar 1939:

„Die Errichtung von ca. 600 Wohnungen für die Messerschmitt AG. auf dem Gelände südlich der bestehenden Siedlung macht die Kanalisation des bestehenden Gebietes notwendig. Zum Anschluß derselben an den Hauptkanal in der Augsburgerstraße muß dieser bis zur Ritter von Eppstraße verlängert werden und dort ein Verbindungskanal bis zur Breitwiesenstraße hergestellt werden. An der Aufbringung der Kosten. die auch einen beträchtlichen Zuschuß des Reiches erfordern, beteiligt sich die Gemeinde mit einem Betrag von ca. 56 000 RM.“

17. März 1939:

„Die auf dem Breitwiesengelände zur Errichtung kommenden 600 Wohnungen [Heimbausiedlung] werden an die Schwemmkanalisation angeschlossen. Dies bedingt die Verlängerung des Kanals in der Augsburger Straße [2012 Haunstetter Straße], die Weiterführung desselben durch die Ritter-von-Epp-Straße [2012 Kopernikusstraße] und die Breitwiesenstraße und die Herstellung von Kanälen in den neu anzulegenden Straßen im Baugebiet selbst“.

21. April 1939:

„Der Siedlergemeinschaft der Messerschmitt AG wird für die ihr überlassenen Pachtgrundstücke eine halbjährliche Kündigungsfrist eingeräumt.“

07. Juli 1939:

„Die gemeindlichen Siedlungen an der Breitwiesenstraße, welche in den Jahren 1932 – 1934 errichtet worden sind, wurden durch notarielle Verbriefung an die Siedler übereignet. Die betreffenden Grundstücke sind als Reichs-Heimstätten auszugeben.“

15. September 1939:

„Die genannteTrafostation kommt auf das Grundstück, Plan-Nr 1180 zu stehen, auf welchem durch den Postbräu Thannhausen eine Gastwirtschaft mit Metzgerei errichtet wird.“ (Es wurde erst viel später darauf das „Postbräustüberl“ erbaut).

29. September 1939:

„[...] wo die 591 Volkswohnungen für die Messerschmitt A.G. errichtet werden. Ein Teil der Wohnungen ist bis zum 1. November 1939 bezugsfertig.“

08. Dezember 1939:

„Am 8. Dezember wurden in der Gefolgschaftssiedlung der Messerschmitt A.G. 100 Neubauwohnungen bezugsfertig. Die Uebergabe der Schlüssel und Mietverträge erfolgte durch den Geschäftsführer der Heimbau Bayern, München, welche auch die Trägerin des gesamten Bauvorhabens ist.“

22. Dezember 1939:

„Achtung Pimpfe der neuen Messerschmittsiedlung.“
„Sämtliche Jungen der neuen Messerschmittsiedlung im Alter von 10 – 14 Jahren haben sich am kommenden Sonntag, den 24.12.39, vormittags in der Zeit von 10 – 11 ½ Uhr auf der Dienststelle des Fähnleins 57/338 (Schulhaus) einzufinden. Mitgliedsausweise der Hitlerjugend sowie Ueberweisungsscheine sind mitzubringen.“

Kommentar des Autors:
Man stelle sich Folgendes vor, alle Buben von zehn bis 14 Jahren müssen, ob sie wollen oder nicht, der „Merkel-Jugend“ [Anm. d. Red.:bezugnehmend auf ihr Amt als Kanzlerin] angehören. Diese Jugend wird „MJ“ genannt. Sie müssen eine Uniform tragen und gehören einer entsprechenden Gruppe, ihrem „Fähnlein“ an. Der Name Fähnlein sagt schon, dass die Gruppe auch eine eigene Fahne hat. Die x-tausenden Fahnen in der Bundesrepublik sind alle gleich und in knalligen, schreierischen Farben. Damit müssen die Buben bei einer Unzahl von Aufmärschen und Veranstaltungen mitmarschieren. Individuellen Urlaub mit den Eltern irgendwo auf der Welt gibt es nicht. Privates Freizeitvergnügen gibt es auch nicht, sondern nur von der Irrationalistischen Partei veranstaltete Ferienlager und viele andere parteipolitische Veranstaltungen, bei den der Jugend das ideologische Gedankengut der Partei eingetrichtert wird. Mit den Ferienlagern hat diese Partei auch außerhalb der Schulzeit die Buben unter ihrer Fuchtel. Sie werden dabei für den Einsatz in einem zukünftigen Krieg durch Sport, Geländemärsche und Geländespiele körperlich ertüchtigt und gleichzeitig mit der Ideologie der Partei infiltriert. Genauso war es damals bei den Nazi mit der HJ.

10. Mai 1940:

Die Haunstetter Zeitung sucht „für den unteren Ortsteil (nördlich mit Messerschmittsiedlung)“ eine Zeitungsträgerin. Das war dann jahrzehntelang Karolina Husel, Breitwiesenstraße.

07. Juni 1940:

„Am 1. Juni wurden weitere 38 Wohnungen der Messer-
schmitt-Sied­lung an der Flachs- und Rechenstraße bezogen [Heimbausiedlung], sodaß jetzt insgesamt 308 Wohnungen geschaffen wurden, worin 124 auf Einzelsiedlungen und 184 auf Mietwohnungen entfallen. Um den Neumietern Gelegenheit zu geben, einen Mietgarten anzulegen, hat Bürgermeister Widmeier ein der Gemeinde Haunstetten gehöriges größeres Grundstück zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt“.

Auf der Rückseite der Häuser an der Westseite der Breitwiesenstraße, dann an der Rückseite der Häuser an den anderen Straßen der Heimbausiedlung war jeweils ein Grünstreifen als Wäsche-Trockenplatz angelegt. Dann kam eine Hecke. Bis zu der Hecke der nächsten Straße blieb ein breiter Streifen Grünland, der in einzelne Parzellen aufgeteilt wurde. Diese Parzellen gehörten dann zu den einzelnen Wohnungen. Allerdings musste dafür- eine sehr geringe – Miete gezahlt werden.

28. Juni 1940:

„Am 1. Juli werden weitere 45 Wohnungen der Bayerischen Heimstätte, München, bezugsfertig. sodaß im geschlossenen Wohnungsbau insgesamt 247 Wohnungen seit Dezember vorigen Jahres hergestellt wurden.“

02. August 1940:

„Die Arbeiten der Neubauten der Messerschmitt A.G. in Haunstetten schreiten trotz fühlbarem Mangel an Arbeitskräften während des Krieges rüstig vorwärts. Am 1. August wurden wieder zahlreiche Neubau-Wohnungen bezogen.“

16. August 1940:

„Für die Breitwiesenstraße wird eine Gesamtbreite von 11,50 m festgelegt, welche aufgeteilt wird in eine Fahrbahn von 6 m, einen Baumstreifen von 1,50 m und beiderseitige Fußwege von je 2 m.“ Diese Planung wurde – vermutlich wegen des II. Weltkriegs – nicht verwirklicht.

20. September 1940, aus einem Schreiben der Heimbau Bayern:

„Zusammenfassend zählt die Messerschmittsiedlung nach Beendigung des gesamten Bauvorhabens 591 Mietwohnungen in Wohnblocks, 18 Wohnungen in Erwerbshäusern und 125 Siedlungshäuser. Z. Zt. wird eine moderne Bäckerei nach den neuesten Gesichtspunkten erbaut, welche Bäckermeister Gg. Meyer [Mayr] aus Augsburg übernehmen wird. [...].

Wenn man bedenkt, daß die erste Wohnung der Siedlung am 1. Mai 1937 bezogen wurde, muß man über die Entwicklung dieses Baugebietes innerhalb von 3 Jahren staunen. Trotz des Krieges geht die Bauarbeit weiter und hat bis heute noch keine Verzögerung erfahren. Sobald die Straßenverhältnisse behoben sind, wird der neue Ortsteil ein Beispiel deutscher Wohnkultur darstellen.“

14. Februar 1941:

„Nachdem die Wartezeit für die Siedler an der Roggenstraße und einen Teil der Siedler an der Pflugstraße nunmehr abgelaufen war, wur­den ihnen ihre Siedlerstellen zu Eigentum übertragen. [...].

Da sich die in Betracht kommenden Siedler auf ihren Stellen bisher gut bewährt hatten, wurde die Uebereignung in keinem Falle versagt.“

Weitere Archivalien über den Bau der Siedlerhäuser westlich der Pflugstraße sind verschollen. Es kann vermutet werden, dass sie beim Verladen aus dem Haunstetter Rathaus zum Abtransport ins Stadtarchiv durch die Unachtsamkeit der städtischen Arbeiter und deren Überzeugung von der Wertlosigkeit des „alten Papierkrams“ verloren gingen oder vernichtet wurden. Augenzeugen hatten berichtet, dass viele Aktenstapel und Akten zum Verladen einfach aus den Fenstern des ehemaligen Rathauses ins Freie hinuntergeworfen wurden.

Die Bewohner der beiden Siedlungen waren teilweise recht fruchtbar. In der Pflugstraße hatte eine Familie acht Buben. In der Amselstraße lebten in einem Haus mit fünf Familien 17 Kinder [Amselstraße 9]. In der Pflugstraße lebten auf der Ostseite 43 und auf der Westseite 38 Kinder, zusammen lebten allein in der Pflugstraße 88 Kinder. Die Pflugstraße hatte damals 23 Häuser.

 

 

Das Siedlerheim um 1950. Es war ursprünglich ein Lagerhaus der Siedlergemeinschaft, beispielsweise für Düngemittel und Düngekalk, Streugut für den Winter, zum Teil auch Heizmaterial und hatte nur einen kleinen Besprechungs- und Versammlungsraum. Weil eine öffentliche Gaststätte nicht in der Nähe war, wurde das Haus später nach und nach zu einem Heim mit Bewirtung. Bild: Sammlung Wahl

Das Siedlerheim um 1950. Es war ursprünglich ein Lagerhaus der Siedlergemeinschaft, beispielsweise für Düngemittel und Düngekalk, Streugut für den Winter, zum Teil auch Heizmaterial und hatte nur einen kleinen Besprechungs- und Versammlungsraum. Weil eine öffentliche Gaststätte nicht in der Nähe war, wurde das Haus später nach und nach zu einem Heim mit Bewirtung. Bild: Sammlung Wahl

Eggenstraße, Westseite, Aufnahme von Nord-Ost in Richtung Süd-West. Bild: Sammlung Wahl

Sämannstraße, Südseite, Aufnahme aus nordwestlicher Richtung. Im Bild ganz rechts, vor dem 1. Haus, wird die zukünftige Rechenstraße einmünden Bild: Sammlung Wahl

Die zukünftigen Siedler arbeiten eifrig am Grundstück und im Nutzgarten.
Im Bild vermutlich die Ostseite (Gartenseite) der Sensenstraße aus Südöstlicher Richtung. Bild: Sammlung Wahl

 

Oben: Die ganze Messerschmittsiedlung, aufgenommen vermutlich mit einem Teleobjektiv vom Kirchturm von St. Georg aus. Unten links (Flachsstraße): Ganz links der Bäckerladen von Mayr. Bild: Sammlung Wahl

 

Die ganze Messerschmittsiedlung, von Süd-Westen her aufgenommen. Im Hintergrund links die Christuskirche, rechts die Haunstetter Spinnerei und Weberei mit ihrem Kamin. Bild: Sammlung Wahl

Im Mittelgrund links die Landsberger Straße. Im Hintergrund die Messer-
schmittsiedlung Dahinter eine Halle des Messerschmittwerkes 3. Bild: Sammlung Wahl

Das Haus Eggenstraße 21 ist das einzige Haus der Messerschmittsiedlung, das noch fast originalgetreu erhalten ist. Hier der Giebel auf der Ostseite, zur Eggenstraße hin. Bild: Karl Wahl

Das Haus Eggenstraße 21 ist das einzige Haus der Messerschmittsiedlung, das noch fast originalgetreu erhalten ist. Hier die Südseite. Bild: Karl Wahl

Das Haus Eggenstraße 21 ist das einzige Haus der Messerschmittsiedlung, das noch fast originalgetreu erhalten ist. Hier die Rückseite (Westseite). Bild: Karl Wahl

Das Haus Eggenstraße 21 ist das einzige Haus der Messerschmittsiedlung, das noch fast originalgetreu erhalten ist. Hier die originalen Fensterläden. Bild: Karl Wahl

Das Haus Eggenstraße 21 ist das einzige Haus der Messerschmittsiedlung, das noch fast originalgetreu erhalten ist. Hier die originalen Fensterläden. Es sind zu sehen die Vorrichtung zum Verriegeln bei geschlossenen Läden, der Ring zum Herziehen des Fensterladens und die „Frauenköpfe“ zum Feststellen der offenen Läden. Bild: Karl Wahl

NACH OBEN 2. Baracken und die Gäste des Führers
Wieso die „Gäste des Führers“ zu uns kamen

Am 24. August 1939 (zurückdatiert auf den 23. August 1939) wurde der Hitler-Stalin-Nichtangriffspakt beschlossen. Darin wurden die Interessensgebiete vereinbart. Das Baltikum wurde dadurch sowjetisches Interessensgebiet.

Am 15. Oktober 1939 wurde mit Estland der Umsiedlungsvertrag in das deutsche Reich abgeschlossen.

Am 30. Oktober 1939 wurde mit Lettland der Vertrag zur Umsiedlung der deutschen Volksgruppe aus Lettland abgeschlossen. Danach wurde vom Präsidium der deutschen Volksgemeinschaft in Lettland folgender Aufruf verbreitet:

„Deutsche Volksgenossen!

Der Vertrag zwischen der Regierung Lettlands und der Deutschen Reichsregierung über die Umsiedlung der deutschen Volksgruppe in Lettland ist unterzeichnet. Die Zeit der Vorarbeiten und des Wartens ist damit vorüber. Wir treten nun mehr an die Lösung der uns von der Geschichte gestellten Aufgabe heran: Die Rückführung auch des letzten deutschen Volksgenossen in das große Vaterland aller Deutschen.
Wir nehmen nicht leichten Herzens Abschied von dieser Erde. Aber wir
blicken nicht rückwärts, sondern nach vorne. Wir stehen unter dem Befehl unseres Volkes.

Wer sich in diesen Tagen von seiner Volksgruppe löst, um im Lande zu bleiben, scheidet sich für alle Zeiten vom deutschen Volke. Er muß das wissen, denn sein Entschluß gilt für Kinder und Kindeskinder. Und er ist nicht rückgängig zu machen.

Der Abtransport ins Großdeutsche Reich wird in wenigen Tagen einsetzen. Bis dahin hat jeder auf seinem Platz zu bleiben, sich fertig zu machen und in unbedingter Disziplin auf den Befehl zur Abfahrt zu warten. Er wird ihm durch die Zeitung und durch seinen Nachbarnführer zugehen.

Volksgenossen! Wir alle erleben die Größe dieser Stunde. Es ist eine Stunde des Handelns und nicht der Worte.

Der Führer hat uns gerufen. Wir folgen.“

Aufgerufen wurde vom Präsidenten sowie vom Landesleiter der Deutschen Volksgemeinschaft in Lettland.

Kurze Zeit später wurde der Vertrag über die Umsiedlung der Litauer deutscher Volkszugehörigkeit in das deutsche Reich abgeschlossen.

Die Umsiedlungsverträge fielen unter die europaweite Aktion „Heim ins Reich“. Bei der Hauptumsiedlung aus dem Baltikum bis Ende 1939 kamen rund 14.000 Deutschbalten aus Estland und 52.500 Letten ins Reich. Von den Litauern ist mir die Zahl nicht bekannt.

Die Umsiedler waren dann die „Gäste des Führers“, die sich zu großen Teilen recht unverschämt aufgeführt haben und bei jeder Gelegenheit betont haben: „Wir sind Gäste des Führers, Hitler hat uns gerufen!“ Das klang ungefähr so: „Wirr sind Gäste des Fierrerrs, der Fierrerr hat uns gerrufen“, oder „wirr sind Gäste des Fierrerrs, Hitlerr hat uns gerrufen“. Des öfteren kam nach dem 2. Weltkrieg noch der Zusatz „du deutsches Schwein“ dazu, wo sie doch alle sogenannte Volksdeutsche waren.

Fast niemand von den Deutschbalten war gegen die Umsiedlung. In Libau warb jedoch ein evangelischer Pfarrer zum Bleiben. Er wurde deshalb von seinem Bischof aus dem Amt entfernt (Libau, lettisch liepaja, im Kurland).

Als Schlagwort wurde verbreitet: „Wer bleibt, ist kein Deutscher!“

Die Messerschmittsiedlung auf einer Luftaufnahme der US-Bomber am 20. April 1944. Oben = Süden, unten = Norden, links = Osten, rechts = Westen. Oben im Bild die Hofackerstraße, unten die „Ritter-von-Epp-Straße“ (2012 Kopernikusstraße), die durchgehende Straße im linken Bildteil ist die Breitwiesenstraße, im rechten Bildteil verläuft schräg der „Alter Postweg“ (2012 Postillionstraße). Die vielen Baracken sind deutlich zu erkennen. Die drei hellen Flecken in der Heimbausiedlung zeigen die drei durch Bomben zerstörten Häuser. Bild: Sammlung Wahl.

Der Hauptstrom der ihre Heimat verlassenden Deutschbalten wurde in die soeben eroberten polnischen Gebiete, die neuen Gaue »Wartheland« und »Danzig-Westpreußen« umgesiedelt. (Wartheland = Reichsgau Wartheland = Warthegau).

Die sogenannten „Nachumsiedler“ konnten wegen des Vorrückens der russischen Armee von den Nazis nicht mehr in den Warthegau umgesiedelt werden und wurden deshalb ins „Altreich“ gebracht. Dort wurden sie nicht als vollberechtigte Umsiedler, sondern als Flüchtlinge anerkannt.

Manche Flüchtlinge haben sich bei uns satte Vorteile ergattert. Der Autor weiß von einem Mädchen, das 1938 in Haunstetten (!) geboren wurde und trotzdem einen Vertriebenen-Ausweis hatte. Sie erhielt um 1958/1959 anläßlich der Eheschließung vom Staat einen verlorenen Baukostenzuschuß von 3.000 DM. Das war damals etwa der Wert einer kompletten Wohnungseinrichtung oder eines Kleinwagens, z.B. DKW Junior oder Borgward Lloyd.

Ein Baukostenzuschuß ist eine Geldleistung, die an einen Bauherrn gegeben wird, um den Gebrauch von Wohnraum zu erlangen. Er dient also der Mitfinanzierung eines Mietobjekts. Bei einem verlorenen Baukostenzuschuß besteht keine Verpflichtung, den Wert der Leistung zurückzuerstatten oder mit der Miete zu verrechnen.

Die Parole „Heim ins Reich“ wurde von den NAZI als politisches Schlagwort genutzt. Angeblich geht diese Parole zurück auf Konrad Henlein, der während der Sudetenkrise am 15. September 1938 einen Aufruf verbreitete, der mit den Worten endete:

„Wir wollen als freie deutsche Menschen leben! Wir wollen wieder Frieden und Arbeit in unserer Heimat! Wir wollen heim ins Reich! Gott segne uns und unseren gerechten Kampf.“

Die Parole wurde zum geflügelten Wort und beschränkte sich nicht allein auf die Bestrebungen, das Sudetenland und Österreich dem Deutschen Reich anzugliedern, wie es 1938 mit dem Münchner Abkommen und dem „Anschluss“ Österreichs auch geschah.

Das Schlagwort wurde ebenfalls für die Bemühungen genutzt, ein Groß-deutsches Reich zu errichten und dafür deutsche Siedler und Aussiedler wie die Deutsch-Balten zurück in die Grenzen des Reichs zu bringen. Konkret wurde dieses Vorhaben spätestens unter dem Einfluss des Hitler-Stalin-Pakts ab 1939. Es kam zu Umsiedlungen ganzer Bevölkerungsgruppen, wie die Südtiroler aus Italien, Baltendeutsche aus Litauen, Estland und Lettland, Wolhyniendeutsche aus Polen und ab 1940 Bessarabiendeutsche, Bukowinadeutsche, Dobrudschadeutsche und Galiziendeutsche.

Diese Volksgruppen bewohnten – zum Teil jahrhundertelang – Gebiete in Osteuropa, die gemäß dem Pakt an die Sowjetunion fallen sollten. Die Umgesiedelten erhielten als Entschädigung enteignetes Land im von Deutschland besetzten Polen, das als künftiger „Lebensraum im Osten“ für das deutsche Volk dienen sollte.

Eine Historikerin berichtete einmal, dass 1942 und 1943 rund 300.000 Deutschstämmige aus den deutsch besetzten, russischen Gebieten “Heim ins Reich” geholt wurden.

Aufnahme in einem Grundstück auf der Westseite der Breitwiesenstraße. Hinter dem Staketenzaun verläuft die Breitweisenstraße und dahinter sind Baracken auf der Ostseite der Breitwiesenstraße zu sehen. Bild: Sammlung Wahl.

Weil für so viele Menschen keine Wohnungen vorhanden waren, wurden große Barackenlager errichtet, und zwar hauptsächlich in der Nähe von großen Rüstungsbetrieben, damit dort weitere Arbeitskräfte hinzukamen (nahe bei und in Haunstetten lagen vier Messerschmittwerke).

Im Juni 1940 besetzte die sowjetische Armee Litauen und noch im gleichen Monat wurde der Staat zu einer Sowjetrepublik gemacht. Lettland und Estland erging es ebenso. Ein Jahr später, im Juni 1941, begannen unmenschliche Massendeportationen nach Sibirien, wie üblich unter Zerreißung der Familien und unter grausamsten Bluttaten. Sehr viele Familienväter wurden dabei bestialisch umgebracht.

Noch 1941 wurde Litauen durch deutsche Truppen besetzt. Aus dem Baltikum wurde das „Ostland“. Deshalb haben wir in Haunstetten die „Ostlandstraße.“

Als die Rote Armee im Herbst 1944 das Baltikum zurückeroberte, flüchteten aufgrund der Erfahrungen mit den Sowjets drei Jahre zuvor rund 200.000 Balten nach Deutschland, die wiederum in Barackenlagern untergebracht wurden.

In Haunstetten standen dann 1944/45 Wohnbaracken wie folgt:

  • an der Breitwiesenstraße, Ostseite, sechs Steinbaubaracken parallel zur
    Breitwiesenstraße, etwa ab der Höhe von Hausnummer 15 in südlicher
    Richtung bis zur damaligen Straße „Im Felde“.

Die lange Baracke an der Südseite der Straße „Im Felde“. Bild: Sammlung Wahl

Alle folgend aufgezählten Baracken waren Holzbaracken.

  • an der Ostlandstraße, sieben Stück auf der Westseite und acht auf der
    Ostseite,
  • an der Nordseite der Flachsstraße und zwar drei Stück ab der Eggenstraße.
    Sie waren eine Zeit lang mit Kriegsgefangenen belegt.
  • nördlich des westlichen Wohnblocks an der Flachsstraße zwischen der
    Breitwiesen- und der Pflugstraße eine Baracke, parallel zu dem Wohnblock.
    Sie war eine Zeit lang mit angeworbenen holländischen, französischen und
    italienischen „Gastarbeitern“ belegt.
  • an der Heimbaustraße, auf jeder Seite acht Baracken,
  • am Alten Postweg (2012 Postillionstraße) fünf nördlich der Flachsstraße
    und fünf südlich der Flachsstraße,
  • an der Straße „Im Felde“ je eine lange Baracke zu beiden Seiten. Sie waren
    aus vier normalen Baracken zusammengebaut,
  • an der Sämannstraße, etwa gegenüber der Einmündung der Eggenstraße
    zwei Baracken,
  • eine Baracke an der Eichenstraße bei der Leisenmahd,
  • eine Baracke in der Buchenstraße,
  • bei der Kiesgrube an der Inninger Straße war ein Arbeitslager aus
    Baracken für die Firma Messerschmitt errichtet. Betriebslager hatte eine
    Kapazität von 175 Personen. Aus diesem Arbeitslager wurde im Februar
    1943 ein Außenlager des KZ Dachau. Dieses Lager bestand um die dama-
    lige Kiesgrube herum, zwischen der „Hermann-Frieb-Straße“ und der „Afra-
    straße“. Es war mit bis zu 2.000 Häftlingen belegt. Nach dem II. Weltkrieg
    war es noch Jahre lang das „Flüchtlingslager“. Das Gelände ist heute (2012)
    ein Park mit einem Gedenkstein sowie einer Tafel mit den Namen der bei
    den Fliegerangriffen im 2. Weltkrieg ums Leben gekommenen Gefange-
    nen sowie einem Kinderspielplatz.
  • eine Baracke an der Inninger Straße zwischen der Landsberger- und der
    „Alte Straße“ Die Baracke war Eigentum der Messerschmitt AG und war mit
    Ukrainern belegt.

Die Steinbaubaracken an der Ostseite der Breitwiesenstraße. Links die Breitwiesenstraße, rechts die Ostlandstraße. Die rechte Doppelhaushälfte im Hintergrund hat noch die „Kriegsbemalung“, den Tarnanstrich gegen Sicht aus der Luft. Die Aufnahme stammt wohl aus dem Ende der 50er Jahre. Es stehen bereits zwei Autos auf der Ostlandstraße. Bild: Sammlung Wahl

Die Baracken an der Flachsstraße, an der Nord-West-Ecke Flachs- /
Eggenstraße. Die Wohnblöcke an der Nordseite der Flachsstraße haben zum Teil noch die „Kriegsbemalung“. In dem hellen Teil des Wohnblocks war der Bäckerladen von Mayr. Zwischen den Baracken und dem Wohnblock sieht man das Dach eines niederen Gebäudes, worin sich der Metzgerladen Festerling befand. Bild: Sammlung Wahl

Die Baracken am „Bäck-Mayr-Platz“, an der Nord-West-Ecke Flachs- Eggenstraße.
Bild: Sammlung Wahl

Zwischen den Baracken an der Breitwiesenstraße und an der Ostlandstraße standen in der Mitte ein paar Schuppen für Brennholz und Gartengeräte, wie Spaten, Schaufel und Rechen. Außerdem stand dort auch eine „Mietwaschküche“ in einem Schuppen. Die anderen Flächen wurden als Gartenland genutzt.

Eine Aufnahme vom Kirchturm der Christuskirche, vermutlich mit einem Teleobjektiv „geschossen“. Von rechts nach links die Baracken an der Ostlandstraße. Von der Bildmitte nach rechts die Baracken an der Straße „Im Felde“. Bild: Sammlung Wahl

Am 20. Juni 1952 wurde berichet:

„Einem dringenden Bedürfnis entsprechend, soll an der Ostlandstraße eine zweite Waschküche für die Inhaber der dortigen Barackenwohnungen bereitgestellt werden.“

Die Holzbaracken hatten in der Mitte einen Eingangsraum, von etwas mehr als einem Meter Breite, von wo es nach links und rechts in je eine „Wohnung“ ging. Die rückwärtige Hälfte des Eingangsraumes war die Gemeinschaftstoilette. In der vorderen Hälfte des Eingangsraumes war im Boden eine Klappe und darunter ein Raum von ungefähr einem Quadratmeter Fläche und ungefähr 60 Zentimetern Tiefe. Das war der „Kühlschrank“ der Baracke.

Die „Edelbaracke“, wie sie bis ins Frühjahr 2012 an der Leisenmahd stand.
Das war die letzte Baracke in Haunstetten. Bild: Karl Wahl.

NACH OBEN

3. Im zweiten Weltkrieg

Bei dem schweren Luftangriff der US-Luftwaffe am 25. Februar 1944 auf die Messerschmittwerke wurden auch drei Häuser in der „Heimbausiedlung“ (südlich der Flachsstraße) total zerstört.

Hierzu ein Kommentar des Autors:

“Die US-Luftwaffe flog keine Bomben „über den großen Teich“, um unsere Häuschen zu treffen. Sie wollte die vier Rüstungswerke in und bei Haunstetten sowie den Alten Flugplatz (im Nordwesten von Haunstetten und späteres Univiertel) zerstören. Dabei „erwischte“ es unabsichtlich auch einige Einfamilienhäuser, denn damals konnten die Bomber noch nicht so genau zielen. “

Es wurden zerstört die Häuser Amselstraße 1, Drosselstraße 6 und das Doppelhaus Rechenstraße 55 und 57.

Nach dem schweren Luftangriff auf die Messerschmittwerke vom 25. Februar 1944 wurden alle Hauswände der ge­sam­ten Siedlung (Messerschmitt- und Heimbausiedlung) dunkel­grau/­schwarz/grün angestrichen gegen die Sicht aus der Luft. Dies war allerdings eine hirnlose und sinnlose Maßnahme, denn auf den Luftaufnahmen, die von den US-Bombern bei den Angriffen aufgenommen wurden, sind alle Hausdächer und die Straßen sehr deutlich zu sehen. Das einzige Haus, das 1944 ein dunkles Dach hatte und deshalb schlecht zu erkennen war, ist das Haus Breitwiesenstraße 7 (Lindner).

Etwas später wurde auf der Westseite der Baracken an der Ostlandstraße in paar Meter von den Baracken weg ein durchgehender, offener Splitter-Schutzgraben angelegt. Er war vielleicht einen Meter tief und daneben (Westseite) lag der Auswurf. Graben und Auswurf ergaben einen halbwegs annehmbaren Splitterschutz. Mehr Schutzmöglichkeiten gab es nicht.’

Die Bewohner der Baracken an der Breitweisenstraße wurden den Luftschutzkellern der Häuser an der Breitwiesenstraße im Fall von Luftangriffen zugeteilt.

Jedes Haus in Haunstetten hatte einen „Luftschutzkeller“ einzurichten. Die Kellerdecke wurde zusätzlich mit Balken oder Rundhölzern abgestützt und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Es wurden mehrere Eimer oder Wasch-schäffer mit Wasser zum Löschen bereitgestellt. Auch Verbandmaterial sollte vorhanden sein. Vor den Kellerfenstern wurde außen ein Splitterschutz aus Beton gegen direktes Eindringen von Bombensplittern in den Kellerraum angebracht. Dort unten hockten die Menschen dann spätestens ab dem Luftalarm stundenlang dicht gedrängt und hörten angsterfüllt das Näherkommen der viermotorigen Bomber, erlebten in Todesangst das Heulen der fallenden Bomben, das Rumpeln und Krachen der Explosionen und spürten die Erschütterungen davon, die wie kleine Erdbeben wirkten. Sie hörten Häuser in der Nachbarschaft zusammenkrachen und das Prasseln von Bränden. Ab etwa 1944 hatten die Bomben absichtlich hinzugebaute Heulvorrichtungen. Deren grauenhaftes Heulen, wenn die Bomben näher kamen, wirkte demoralisierend und konnte einen fast verrückt und irrsinnig machen.

Im Haus Rechenstraße 55 wurden mehrere Menschen, auch ein kleines Mädchen, ca. viereinhalb Jahre, ein kleiner Bub, ca. zwei Jahre alt und ein Hund im Keller verschüttet, als das Haus getroffen wurde. Der Hund wurde angehalten zu suchen und er scharrte ein Loch an die frische Luft frei. Das war der kürzeste Weg aus dem Schutt und die Menschen konnten sich befreien.

Unmittelbar nach dem Einmarsch der US-Army in Haunstetten wurden Anschläge (DIN A 4) ausgehängt, worauf sinngemäß stand:

“Wer Soldat ist, hat sich zu melden, sonst wird er als Spion abgeurteilt. Die Soldaten kamen in Kriegsgefangenschaft.”

Auf dem Foto ist an den Häusern der „Tarnanstrich“ zu sehen.
Bild: Sammlung Wahl

Nochmals die Luftaufnahme aus einem US-Bomber. Mit diesem Bild wird die „enorme Wirkung des Tarnanstrichs der Hauswände“ gegen Sicht aus der Luft dokumentiert.
Bild: Sammlung Wahl

Das Haus Drosselstraße (2012 Goldammerstraße) wurde durch einen Bomben-Volltreffer zerstört. Im Hintergrund links die Wohnblöcke der Flachsstraße und im Hintergrund rechts die Häuser der Amselstraße (2012 Taubenstraße).
Bild: Sammlung Wahl

Aufnahme der US-Luftwaffe während eines Bombenangriffs. Im Bild über der Hofackerstraße zwischen der Landsberger Straße und der Breitwiesenstraße sieht man Sprengbomben fallen. Sie fallen in Richtung Messerschmittwerk 3. Die hellen Flecken sind bereits verfüllte Bombentrichter von vorherigen Bombenangriffen. Die dunklen Flecken mit einem hellen Ring sind Bombenlöcher und der Auswurf.
Bild: Sammlung Wahl

Nochmals die vorige Luftaufnahme mit den fallenden Bomben. Im linken Bildteil Alt-Haunstetten, in der Mitte oben das ursprüngliche Betriebslager von Messerschmitt, dann das Außenlager des KZ Dachau und nach dem Krieg das Flüchtlingslager.
Viele Inhaftierte des Kz-Lagers wurden Tag für Tag von dort bis zur Messerschmittstraße (2012 Eichenstraße) zur Zwangsarbeit im Messerschmittwerk 3 geführt. Der Autor hat als Kind die Marschkolonnen der ausgemergelten Männer in ihrer gestreiften, dünnen Sträflingskleidung oft gesehen. Diese dünne Kleidung mussten sie auch im Winter tragen. Hinten am Hosenbund hatten sie den Blechnapf und einen Blechlöffel hängen. Sie hatten keine Schuhe, sondern eine Art von Sandalen aus Holz, Holzpantinen, Holzpantoffel, die beim Marsch der Kolonne laut zu hören waren.

1944 mußten “KZler” (KZ-­Häftlinge) aus der In­nin­ger Straße (Außenlager des KZ Dachau) bei kaltem Wetter mit nackten Fü­ßen in offenen Schuhen und dün­nem Sträflings­ge­wand einen Ka­belkanal für das Messer­schmittwerk III durch die Nordstraße graben. Meine Mutter erbarmte sich und kochte täglich zweimal einen Dämpfer voll mit Kartoffeln – unser Dämpfer war für sieben Personen ausgelegt und hängte ihn an den Zaun. Die KZler würden sich die heißen Kartoffeln schon selbst schälen, wenn sie etwas abgekühlt waren. Zu meinem Erstaunen futterten die Häftlinge sie aber mitsamt der Schale. Einmal hängte ein unmenschlicher “SSler” (SS-Aufseher) den Dämpfer ab, schüttete die Kartoffeln auf den Boden und zertrat sie vor den Augen der Hungrigen, das war anschaulich die glorreiche SS. Im Bild rechts unten fallen Bomben eines anderen Fliegers in Richtung des Messerschmittwerks 3.
Bild: Sammlung Wahl

Nochmals eine Luftaufnahme auf fast ganz Haunstetten während eines Luftangriffs und mit fallenden Bomben. Im Bild fallen die Bomben über der Hofackerstraße zwischen der Landsberger- und der Breitwiesenstraße. Nördlich der Inninger Straße, zwischen der Landsberger Straße und der „Alte Straße“ ist bereits auf Grund der Bomben ein Brand ausgebrochen. Bild: Sammlung Wahl

Bombensplitter einer Sprengbombe, 23 Zentimeter lang. Wenn so ein Fetzen des Bombenmantels durch die Luft flog, hatte er absolut zerstörerische oder tödliche Wirkung. In Haunstetten hatten an vielen Häusern solche Bombensplitter die Hauswände glatt durchschlagen. Der Bombensplitter auf dem Bild ist allerdings nicht frisch, denn er hat ein paar Jahrzehnte auf dem Alten Flugplatz im Erdreich gelegen. Bild. Karl Wahl

So ah ein Nachbarhaus aus, wenn das gegenüberstehende Haus durch eine Bombe zerstört wurde. Es ist keine Dachplatte mehr oben. Die Fensterstöcke sind kaputt oder gar ein ganzer Fensterstock ist durch den Luftdruck aus der Mauer herausgerissen und nach innen geschleudert worden. Die Bombensplitter haben Löcher in die Außenwand geschlagen, einzelne haben sogar die Mauer durchschlagen. Die Häuser der Nachbarschaft haben die „Kriegsbemalung“. Bild: Sammlung Wahl

Im zweiten Weltkrieg bekam man nichts mehr ohne „Bezugsschein“.
Antrag auf Erteilung einer vollständigen Fahrradreifengarnitur für Bäcker Franz Xaver Mayr, Flachsstraße 27. Das ist kein Schreiben für einen Einzelfall, sondern dafür gab es vorgedruckte Formulare! Oben ist noch handschriftlich dazugeschrieben: „für Fahrrad und Fahrradanhänger“. Bäcker Mayr brauchte sein Fahrrad mit dem Anhänger, um die Messerschmitt-Werkskan-tinen 1 und 4 mit Backwaren zu beliefern. Das Werk 1 stand westlich der Haunstetter Straße zwischen der Werner-von-Siemens-Straße und der Rumplerstraße. Die Werke 4 lagen östlich der Haunstetter Straße. Werk 4a nördlich der Ellensindstraße bis etwa auf die Höhe der Bäckerei Brehm und bis zum Lochbach. Das Werk 4b lag östlich des Lochbachs, im Geviert Ellensind-, Galvanistraße, Forsthausweg und Braunstraße. Bild: Karl Wahl

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4. Wohnungsbeschlagnahmungen und DP-Camp

Aus einem Schreiben des Haunstetter Bürgermeisters an den Landrat vom 31. Juli 1945:

„Nach der Besetzung durch die Alliierten wurde in der Messerschmitt-Siedlung in Haunstetten ein Ausländerlager gebildet. Um dies zu ermöglichen mußten die Wohnungen an der Breitwiesenstraße (Ostseite) [Baracken], Ostlandstraße [Baracken], Im Felde [Baracken[, und 2 Wohnblöcke an der Flachsstraße von den [Balten-] Deutschen geräumt werden. Nach einiger Zeit wurde dieses Lager in der Siedlung nach Westen verlegt und zu diesem Zweck wurden ca. 300 Wohnungen an der Fink-, Star-, Rechen-, Heimbau-, Flachsstraße und alter Postweg in Anspruch genommen. [...]. Nun sollen zur Erweiterung der Ausländerkolonie nochmals 100 Wohnungen in Anspruch genom­men werden.“

Auch die Wohnungen auf der Westseite der Drosselstraße mußten geräumt werden!

Auszug aus einem Schreiben von Bürgermeister Xaver Widmeier an den Landrat in Göggingen vom 31. August 1945:

„[...] Während des Krieges wurden im Osten und Westen dieser Siedlung [Messerschmittsiedlung] noch Wohnbaracken aufgestellt, um dort die bei der Firma Messerschmitt in Arbeit getretenen „Baltendeutschen“, wie sie sich damals nannten, unterzubringen. Deren Zahl ist im Laufe des Krieges und ganz besonders gegen das Ende desselben fortdauernd gestiegen, sodaß sie auch Wohnungen belegten, die deutschen Familien gehörten, welche mit ihren Kindern wegen der Luftgefahr evakuiert wurden. Dieser Zuzug hat sich nach Beendigung des Krieges ganz bedeutend gesteigert. Wenige Wochen nach der Besetzung durch die amerikanischen Truppen wurde nun von der Militär-Regierung angeordnet, daß diese Menschen in einem geschlossenen Wohngebiet untergebracht werden.

Zu diesem Zwecke mußte eine große Zahl von Wohnungen von den Deutschen geräumt werden. Der Zuzug von Angehörigen der baltischen Staaten hielt an und ich hatte keine Möglichkeit demselben Einhalt zu tun. Während zuerst die „Baltische Kolonie“ im östlichen Teil der Siedlung lag, wurde sie nun nach dem westlichen Gebiet verlagert. 300 Wohnungen mußten in wenigen Tagen von den Deutschen geräumt werden. [...] außer in dieser „Baltischen Kolonie“ sind viel Ausländer auch noch bei deutschen Familien in anderen Teilen des Ortes als Untermieter untergebracht. Weiterhin befindet sich eine große Zahl von Wohnbaracken, in denen früher Italiener, Franzosen, Polen und andere untergebracht waren. Diese Wohnbaracken bilden gewissermaßen ein Einfallstor für den Zuzug in die „Baltische Kolonie“. Dort quartieren sich die aus allen Richtungen zuziehenden Ausländer ohne Zuzugsgenehmigung ein und trachten von hier aus in die [Baltischen] Kolonie oder in eine andere Wohnung zu kommen. [...] Es dürfen bestimmt mehr als 3.000 sein. [...]. Unbegreiflich ist mir, warum man die Ausländer bis von den entlegensten Orten, wo sie ganz gut untergebracht waren, da dort keine so große Wohnungsnot herrscht, hierher beordert und auf engem Raum zusammendrängt.“

„Haunstetten sei durch die UNRRA als Mittelpunkt für die Ostländer ausersehen, es sind bereits 2500 Personen dort, während weitere 100 [Wohnungsbeschlagnahmungen] folgen sollten.“

(Aus „Haunstetten im Jahre 1945, Seite 13“).

UNRRA = „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“, der Hilfs- und Wiederaufbauausschuß der UN zur Versorgung und Rückführung von rund neun Millionen nichtdeutscher Flüchtlinge (Displaced Persons). 1943 in Washington geschaffen, betreute bei Kriegsende über 13 Millionen Flüchtlinge, davon 9,62 Millionen in Deutschland. Bis zu ihrer Auflösung am 30. Juni 1947 konnte die UNRRA aus Deutschland insgesamt knapp 6,18 Millionen DP’s repatriieren. Am 1. Juli 1947 wurde die Suchaktion nach DP’s beendet. Die Aufgaben der UNRRA wurden von von IRO, UNICEF und UNHCR übernommen.

IRO = International Refugee Organization. 1947 gegründete, internationale Flüchtlingsorganisation der UN; hat etwa 1 Million europäischer Flüchtlinge in den USA, in Kanada, Australien, Israel angesiedelt. Ihre Aufgaben übernahm 1951 der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge.

Der Bundesminister für Angelegenheiten der Vertriebenen teilte am 10. Juli 1950 mit: Am 31. März 1951 wird die IRO Ihre Tätigkeit in Deutschland endgültig einstellen.

Eine große Zahl von DP’s, wie die Balten oder freiwillige Ostarbeiter, konnten nicht zurück, andere wollten nicht zurück, weil in ihrer Heimat der Kommunismus eingezogen war.

In Haunstetten lebten gleich nach dem Krieg fast dreieinhalbtausend Balten und andere der Heimat entwurzelte Personen wie Ukrainer und für die Rüstungsbetriebe angeworbene Ostarbeiter.

Die UNRRA hatte damals angenommen – oder die Balten und die anderen Ausländer hatten es der UNRRA weisgemacht – dass sie Zwangsverschleppte seien, worauf in der Heimbausiedlung die Deutschen aus 318 Wohnungen geworfen wurden, die Balten und die anderen Ausländer dort einzogen und zum Teil dort hausten wie die Vandalen.

Bei der US-Militär-Regierung bestand auch immer die Auffassung, dass diese Ausländer von den Deutschen zwangsverschleppt worden seien und sie deshalb des Schutzes der Armee bedürften.

Die Besatzungsmacht ordnete deshalb an, dass die Ausländer in einem geschlossenen Camp untergebracht werden, wo sie besser zu schützen seien.

Nachdem Haunstetten sowieso durch die UNRRA als Mittelpunkt für die Ostländer vorgesehen war, eigneten sich die Messerschmitt- und die Heimbausiedlung wegen ihrer Geschlossenheit besonders dazu. Möglicherweise spielte auch eine Rolle dabei, dass so gut wie alle Bewohner dieser Siedlungen in den Flugzeugwerken von Messerschmitt, also in der militärischen Rüstung, beschäftigt waren.

Deshalb beschlagnahmte die Besatzungsmacht am 15. Juni 1945 in Haunstetten insgesamt 322 Siedlungswohnungen für die DP’s. (Die verschiedenen Quellen berichten auch von 318 oder 320 Wohnungen).

Die Bewohner der südlichen Messerschmittsiedlung (Heimbausiedlung) mußten innerhalb von acht Stunden 318 Wohnungen räumen (Westteil Drossel-, ganze Fink-, ganze Star-, südliche Rechenstraße und Südseite der Flachsstraße ab der Drosselstraße).

Ersatz fanden die Ausgewiesenen in den leer gewordenen Barackenlagern. Andere kamen bei Verwandten oder Bekannten unter oder mußten von der Gemeinde untergebracht werden.

Aus „Haunstetten im Jahr 1945“:

„Die Folge war, daß Hunderte Haunstetter Familien nun in die Elendsquartiere der ehemaligen Fremdarbeiter umziehen mußten. Für diese Gruppe der Bevölkerung brach im Juni 1945 eine zum Teil schlimmere Zeit an, als sie es zuvor gewesen ist.“

Die Mieter des Wohnblocks Flachsstraße, Südseite, von der Breitwiesen- bis zur Amselstraße mußten am Samstag 16. Juni 1945 innerhalb von zwei Stunden ihre Wohnungen räumen. Sie mussten das gesamte Mobiliar und den ganzen Hausrat darin lassen. Ihnen wurde angedroht, auf der Stelle erschossen zu werden, fall sie etwas mitnähmen. Diese Wohnungen wurden innerhalb von ein paar Monaten zurückgegeben.

Laut diversen Überlieferungen waren es zwangsverschleppte baltische Familien, von der UNRRA betreut, die in die beschlagnahmten Wohnungen kamen. Es waren aber laut eigener Behauptung der Balten „Gäste des Führers“, also umgesiedelte Balten deutscher Volkszugehörigkeit.

Zuvor, am 15. Mai 1945 wurden auf dem Hochfeld in der dortigen Messerschmittsiedlung 408 Wohnungen zur Unterbringung von Ausländern beschlagnahmt und die Bewohner praktisch wie später in Haunstetten aus ihren Wohnungen hinausgeworfen.

Messerschmitt hatte ehemals der Stadt Augsburg günstige Darlehen zum Wohnungsbau für ihre Arbeiter gegeben. Die Wohnungsbaugesellschaft Augsburg baute damit auf dem Hochfeld Wohnungen, wofür die Firma das Belegungsrecht für die Wohnungen hatte. Dieser Teil des Hochfeldes wurde ebenfalls Messerschmittsiedlung genannt.

Nachdem für Haunstetten die Akten nicht erhalten sind, wie die Räumung vor sich ging, werden hier die Bestimmungen für die Wohnungen auf dem Hochfeld wiedergegeben:

„[...]. 2. Die Räumung hat unter folgenden Gesichtspunkten vorzugehen:

Persönlicher Besitz wie Kleider, Bilder, Geschirr, Küchengeräte, Silber [Besteck], Bettbezüge und Nahrungsmittel können mitgenommen werden; Möbel wie Stühle, Tische, Betten, Waschtische und Küchenschränke, Kleiderschränke und Öfen sind in den Wohnungen zu belassen; Feuerungsmaterial ist ebenso zurückzulassen; nach dem für die Räumung festgesetzten Termin wird es niemandem mehr erlaubt werden, in die Wohnungen zurückzukehren, um zurückgelassene Gegenstände zu holen; die amerikanische Sicherheitswache wird die Räumung beaufsichtigen, um die Durchführung der genannten Vorschriften sicherzustellen.

Im Auftrage der Militärregierung, Offizier: George de Vaughn, 1st Lt, Ce, D.P.Officer.“

In Haunstetten konnten einige Familien ihre Möbel in Sicherheit bringen. Viele konnten sie z.B. irgendwo auf einem Dachboden einlagern. Die Wirtin der Gaststätte „Prinz Leopold“ (2012 „Arthotel Ana“), gegenüber dem alten Friedhof, Frau Wüst, ließ ein paar Stammgäste auf dem Dachboden der Gaststätte ihre Möbel einstellen.

Die Wohnungen mußten nach Aussagen von Betroffenen „innerhalb weniger Stunden“ geräumt werden. Die Ausländer waren zuvor zum Teil in der Arraskaserne in Augsburg untergebracht. Die Arraskaserne war ein Teil der späteren Reese-Barracks, der ehemaligen Reese-Kaserne, an der Langemarckstraße.

Das städtische Wohnungs- und Quartieramt von Augsburg betonte am 6. August 1945:

„[...]. Es handelt sich hier nicht um eine Maßnahme des städt. Quartieramts, sondern um die Durchführung eines ausdrücklichen Auftrages der Militärregierung, der auch von der Militärregierung entsprechend durchgesetzt worden ist.“

Die Balten hatten sich nach Kriegsende umgehend organisiert in der „Kolonie der Baltischen Nationen in Haunstetten.“

Die ach so deutschen Deutsch-Balten bewachten ihr neues Camp in Haunstetten misstrauisch und argwöhnisch. Ein paar Wochen lang herrschte für die Einheimischen ein Betretungsverbot. Abends und nachts gingen zwei Mann mit einem großen, scharfen Hund auf Streife, damit kein Einheimischer auf die Idee käme, vielleicht in die „Kolonie der baltischen Nationen“ zu gehen.

Aus einem Schreiben der „Kolonie der Baltischen Nationen in Haunstetten“ am 27. August 1945 an den Bürgermeister von Haunstetten:

[...] dass in den Häusern Finkstrasse 10, 12, 14 und Drosselstrasse 11, 13, 15, die von der estnischen Sektion übernommen wurden, [...].

Aus einem Schreiben der „Kolonie der Baltischen Nationen in Haunstetten“ am 27. August 1945 an den Bürgermeister von Haunstetten:

[...] dass in den Häusern Finkstrasse 2 und 8 und Drosselstrasse Nr. 3, 5, 7 und 9, die von der lettischen Sektion übernommen wurden, [...].

Aus einem Schreiben der „Kolonie der Baltischen Nationen in Haunstetten“ am 28. August 1945 an den Bürgermeister von Haunstetten:

[...] dass in den Häusern Flachsstraße 26, 28, 30, 32, 34, 36, 38, die von der litauischen Sektion übernommen wurden, [...].

Das waren aber nur die Wohnungen der Balten. Es waren aber noch viel mehr Wohnungen beschlagnahmt und belegt mit Ausländern.

In der Flachsstraße die Nummern 40, 42, 44, 46, 48, 50, 52, 54, 56, 58, 60, 62, 64, 66 (243 Räume). Eigentümer: Heimbau Bayern.

In der Finkstraße die Nummern 1, 3, 4, 5, 6, 7, 9, 11, 13,. Eigentümer: Heimbau Bayern.

In der Rechenstraße die Nummern 35, 37, 39, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 66, 67, 68, 69 (180 Räume). Eigentümer: Heimbau Bayern.

In der Starstraße die Nummern 1, 2, 3, 5, 6, 7, 9, 10, 11, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 21, 22, 23, 25, 26, 27 (189 Räume). Eigentümer: Heimbau Bayern.

Im „Alter Postweg“ die Nummern 212, 214, 216, 218, 220, 222. Eigentümer Messerschmitt AG.

In der Heimbaustraße die Nummern 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16. (123 Räume). Eigentümer Messerschmitt AG.

Auszug aus dem Amtsblatt Nr. 21 vom 29. Juli 1946 für den Landkreis Augsburg:

„Nach den bisherigen Weisungen galt als Steuerbegünstigter Zwangsverschleppter jeder, der im Besitze der von den UNRRA-Dienststellen ausgestellten – D.P.Index­Card – war. Dieser Ausweis ist in zahlreichen Fällen unkorrekterweise auch für nichtberechtigte Personen ausgestellt worden. Ab 15. Mai 1946 hat die UNRRA den Kreis der zu betreuenden verschleppten Personen wesentlich eingeschränkt.“

Hierzu ein Bespiel: Dem Autor ist bekannt, daß ein Mädchen, das 1938 in Haunstetten geboren wurde, einen Vertriebenenausweis besaß.

Die Bewohner der beschlagnahmten Wohnungen verhielten sich richtig
gehend asozial. Sie standen ja unter dem Schutz der US-Streitkräfte. Sie trieben schwunghaften Schwarzhandel, ja sie waren Träger des Schwarzen Marktes in Augsburg. Sie haben gestohlen „wie die Raben“. Da konnte es passieren, dass einer am „helllichten Tag“ mit einem großen, gestohlenen Schweineschlegel auf der Schulter heimging, ohne irgendwelche Bedenken. Man durfte ihnen ja nichts tun. Sie haben von den Wohnungen die Möbel und Türen verheizt.

Im Keller von Finkstraße 7 und im Keller von Flachsstraße 42 betrieben die Ausländer je einen „Laden“. Da gab es aber kein regelmäßiges Angebot, sondern ein Gelegenheitsangebot mit Waren vom Schwarzen Markt wie Ami-Zigaretten, türkische Zigaretten, Tabak und Schnaps, weiterhin allerlei Waren und Lebensmittel die sie aus dem Vorratsmagazin der zerbombten „Flieger-technischen Vorschule“ an der damaligen Siebentischstraße (2012 Marconistraße) gestohlen hatten wie Mehl, Zucker, Teigwaren, Gries, Konserven usw. und auch hin und wieder zusammengestohlenes Obst.

Die Baracken hatte alle im Eingangsraum eine Klappe zum „Kühlraum’“. Im Lager-Jugendheim, Alter Postweg 212, war dieser Kühlraum voller Schnapsflaschen. Als diese Baracke am 22. Dezember 1947 abbrannte, sah ein Kind aus einem Haus in der Amselstraße interessiert zu, wie es dort immer wieder aufblitzte und krachte. Erwachsene sagten damals, daß eine Schnapsflasche nach der anderen „in die Luft“ geflogen war.

Der Oberbürgermeister von Augsburg hat am 4. September 1945 ein Rundschreiben erlassen:

„Es ist bekannt, dass die Militärregierung, insbesondere die damit verbundene UNRRA, Lettländer und Estländer nach Entsatz der deutschen Bevölkerung im Hochfeld untergebracht hat.

Diese Lettländer und Estländer sind meistens früher Angehörige der Partei [NSDAP] und der SS gewesen, da sie sonst nicht bis nach Bayern heruntergekommen wären. Eine grosse Anzahl war auch schon vor der Besatzung in Augsburg ansässig. Soweit Ämter und Gefolgschaftsmitglieder der Stadt und deren Bekannte davon unterrichtet sind, dass solche Personen schon früher in Augsburg anwesend waren, sich übermäs­ig nationalsozialistisch gezeigt und mit ihrer Zugehörigkeit zur SS schon ehedem sich Vorrechte verschafft haben, muss dies an mich gemeldet werden.“

Aus den Erinnerungen des Bürgermeisters Widmeier in der Haunstetter Zeitung vom 29.4.1955:

[…] sowie immer wieder Quartiere für amerikanische Truppen bereitzustellen. Besonders diese Maßnahmen sind mir außerordentlich schwer gefallen. Niemand war aber in der Lage, sie abzuwenden, denn wir waren bedingungslos den Anordnungen der Sieger unterworfen. Dazu mußte ich für ausreichende Verpflegung des Ausländerlagers sorgen, in dem – zu unserem nicht geringen Erstaunen – auch Leute als „Zwangsverschleppte“ untergebracht waren, die wir vorher als „Gäste des Führers“ gekannt hatten. Ich erinnere mich an den Pfingstmontag der Jahres 1945, als der Offizier der „UNRRA“ in meine Wohnung kam und mir rundheraus erklärte, er werde den Sonntagsbraten der Deutschen aus der Bratröhre jeder einzelnen Familie herausholen lassen, wenn ich nicht innerhalb zwei Stunden soundsoviel Kilogramm Fleisch herbeischaffen würde.“

Kommentar des Autors: Die meisten Einheimischen hatten an Pfingsten 1945 kaum etwas zu „Futtern“, geschweige denn einen Sonntagsbraten. Es waren die Lebensmittel ja noch mit Lebensmittelmarken rationiert und die Kleintiere waren schon längst geschlachtet und verzehrt worden.

Aus einem Antrag der Stadtratsfraktion Augsburg der KPD vom 13. August 1948:

„[...].Bei einer am 13.8.48 durchgeführten Aktion [bei den Ausländern] wurden in dem Wohnungsgebiet Hochfeld Augsburg in Kellern, Schuppen usw. 300 Schweine gefunden und beschlagnahmt. Das führt der deutschen Bevölkerung als Höhepunkt der bisherigen Verbrechen dieser Ausländer deutlich vor Augen, dass dieselben entfernt werden müssen, soll nicht weiterhin das deutsche Volk durch diese Elemente in seiner Existenz gefährdet werden.“

Wohl auf diesen Antrag der Stadtratsfraktion Augsburg der KPD vom 13. August 1948 hin besuchte Augsburgs Oberbürgermeister die Militärregierung. Er notierte darüber am 3. September 1948 u.a. folgendes:

„[...]. Es wurde gesagt, dass die deutsche Bevölkerung darüber empört ist, dass die sogen. verschleppten Personen die deutschen Wohnungen als Viehställe benützen. Es ist an sich schon drückend genug, dass die Wohnungen auf dem Hochfeld immer noch nicht den früheren Inhabern zurückgegeben werden können. Dr. Petitfils erklärte, dass die IRO nur eine Hilfsorganisation der Armee sei. Die zivile Militärregierung habe mit ihr gar nichts zu tun. Die Besatzungstruppe habe die Verantwortung für die DPs. Die ganze Ausländerfrage ist eine politische Frage, die in Amerika entschieden wird. Schon vor 3 Jahren glaubten die Amerikaner, eine Lösung zu finden. Das Ausländerproblem müsse in Washington entschieden werden. Ein grosser Fortschritt sei damit erzielt, dass die USA 200 000 verschleppte Personen aufnehmen wollen. In anderen Ländern habe man bis jetzt noch wenig Neigung feststellen können, obwohl alles mögliche geraten wurde, um das Ausländerproblem auf diplomatische Weise zu lösen. Die Militärregierung ihrerseits kann kein Land zwingen, die Ausländer aufzunehmen.“

Eine besondere Gruppe unter den DP’s bildeten die Letten, Esten und Litauer. Viele von ihnen hatten die Heimat bereits 1940 verlassen, als ihre Länder infolge des Hitler-Stalin-Paktes der Sowjetunion eingegliedert worden waren, andere kamen als freiwillige Arbeiter in der Zeit der deutschen Besetzung, die meisten flüchteten bzw. wurden vertrieben, als die Sowjetunion 1945 die politische Selbständigkeit der baltischen Staaten vollends auslöschte.“

Die Litauer sind zwar erzkatholisch und große Marienverehrer, sprechen aber eine andere Sprache als wir. Deshalb wurde ihnen für ihre Religionsausübung die Muttergotteskapelle in Haunstetten zugeteilt. Sie war deshalb ein paar Jahre für Einheimische nicht zugänglich. Erklärung: Litauen ist aufgrund seiner über 400jährigen gemeinsamen Geschichte mit Polen vom Katholizismus geprägt.

Die meisten Balten kehrten nach dem Krieg nicht mehr in ihre Heimat zurück, weil diese inzwischen wiederum sowjetisiert worden war. Sie wanderten nach Nordamerika, nach Kanada und nach Australien aus. Als die letzten Litauer 1949 auswanderten, ließen sie zur Erinnerung in der Kapelle eine Steintafel anbringen.

Die Tafel der Litauer in der Muttergotteskapelle in Haunstetten.
Der lateinische Text lautet übersetzt:

„Hier, im Heiligtum Mariens, beteten die Litauer, die Söhne des Marienlandes, als der Sturm des Krieges tobte und sie ins Gebiet von Augsburg verschlagen waren, kniefällig um Kraft, die Leiden der Verbannung zu ertragen und um die Freiheit des Vaterlandes. 1945 bis 1949.“

Bild: Karl Wahl

Eine andere Übersetzung lautet:

„Hier, im Tempel der Maria, waren die Litauer, die Söhne des Marienlandes, durch den Sturm des rasenden Krieges nach Augsburg verschlagen, waren zusammengekommen, wenn sie demütig baten für ein Ende und um Kraft für die Unglücklichen, die das Exil ertragen müssen und für ein freies Vaterland. A.D. 1945 – 1949.“

An die Litauer, die auf dem Hochfeld in Augsburg untergekommen waren, erinnert das „Litauerkreuz“ in der Nähe des Protestantischen Friedhofs, und zwar in dem kleinen Dreieck zwischen der Schertlinstraße, der Haunstetter Straße und dem Alten Postweg.

Das Besatzungskostenamt Augsburg teilte am 3. März 1950 der Wohnungsgesellschaft Heimbau Bayern mit:

„ Ab 26.1.1950 ist Ihre Siedlung nicht mehr für Zwecke der IRO sondern für Zwecke der Besatzungsmacht beschlagnahmt.“

 

NACH OBEN
5. Von der Baukantine zum Postbräustüberl

Über die Baukantine ist in ABSCHNITT 1 dieses Beitrages über die Geschichte der Messerschmittsiedlung berichtet.

Luftaufnahme eines US-Bombers am 20. April 1944. An der Nord-West-Ecke Flachs-/Eggenstraße sind deutlich die zwei Baracken (siehe Text) zu erkennen. Daneben steht ein barackenähnliches Bauwerk, vermutlich eine Steinbaubaracke. Darin hat Metzgermeister Festerling mit seinem Metzgerladen angefangen. Bild: Sammlung Wahl

Die Baukantine wurde mit dem Beginn der Bauarbeiten an der „Heimbausiedlung“ ab 1938 an die Flachsstraße verlegt.

An der Flachsstraße 31 und 31a standen zwei lange Baracken. Bis zum 31. August 1946 gehörten sie der Messerschmitt AG. Die Postbrauerei Thannhausen kaufte sie und war ab dem 1. September 1946 der neue Eigentümer. Der Kaufpreis für die beiden Baracken betrug 7.815 RM (Reichsmark), der Preis für das Inventar betrug 460,00 RM. Als Nutzungsdauer waren sechs Jahre zugrunde gelegt. Die einmaligen Instandsetzungskosten nach der Übernahme von der Firma Messerschmitt A.G. Augsburg betrugen rund 1.000,00 RM.

Zur Erstattung von Besatzungskosten wurde eine Mietpreisermittlung durchgeführt:

Wirtschaftsbaracke (Baracke 1): Ein Wirtschaftsraum mit Küche, Speise, kleiner Wohnung, Vorplatz, Büroräume und ein Nebengelaß. Die Fenster haben Doppelfenster, die Böden sind aus Fichtenriemen, die Decken aus Hartholzfaserplatten. Das Dach ist mit Pappe gedeckt und geteert. Die Wirtschafts- und Büroräume sind heizbar und mit Ofen versehen. In der Küche ist ein Küchenherd, ein Waschkessel mit 100 Litern, ein Kochkessel mit 300 Litern, ein Warmwasserbeuler, mehrere Küchentische, ein dreiteiliges Spülbecken und in verschiedenen Räumen ist laufendes Wasser eingerichtet. Sämtliche Räume sind mit elektrischer Beleuchtung versehen. Die Höhe der Räume beträgt durchschnittlich 2,80 Meter.

Die Größe der Baracke 1 beträgt 38,50 x 8,20 Meter = 315 qm nutzbare Fläche. Die Ortsübliche Miete ist je 4,00 RM je Quadratmeter = 1260,00 RM pro Jahr = 105,00 RM pro Monat.

Für die Benützung von Einrichtungsgegenständen an 17 Klapptischen, 34 Klappbänken, 1 Küchentisch und 3 kleinen Wirtschaftstischen fallen150,00 RM pro Jahr = 12,50 RM pro Monat an. Diese Baracke war die Baukantine und blieb später die „Kantine“. Sie war lange Zeit die einzige öffentliche Wirtschaft in der Siedlung.

Die Baracke 2 ist in der gleichen Bauweise ausgeführt wie Baracke 1, jedoch ohne Holzfaserdecke. Sie beinhaltet 1 Zimmer, 1 Vorplatz, 2 Spülaborte, eine Schuster-, eine Bildhauer-, eine Zimmerer-, eine Schneider- und eine Schneiderinnenwerkstätte, die Fußböden sind aus Fichtenriemen, die Fenster mit Doppelfenster, die Räume sind heizbar und in sämtlichen Räumen ist elektrische Beleuchtung sowie an einigen Stellen laufendes Wasser eingerichtet.

Größe der Baracke 2: 30,00 x 8,20 Meter = 246 Quadratmeter nutzbare Fläche. Ortsübliche Miete für vorgenannte Arbeitsräume mit Sonstigem: 246 qm a 3,00 RM = 720 RM pro Jahr = 60 RM pro Monat.
Holzschuppen mit Pappdach 8,00 x 3,40 = 27,00 Quadratmeter a 2,00 RM = 54 RM pro Jahr = 4,50 RM pro Monat.

Die Mitbenützung der Hofräume ist im Mietpreis mit inbegriffen. Den Mietpreis ermittelte das Architekturbüro Georg Bader in Augsburg. Die Baracken sind bei der Übernahme durch die Postbrauerei Thannhausen (1. September 1946) mit Ausländern, die in der Betreuung der UNRRA stehen, belegt.

Die Postbrauerei Thannhausen forderte deshalb ab 1. September 1946 eine monatliche Mietpreisentschädigung von monatlich 182,00 RM, ab 20. Dezember 1947 eine monatliche Miete von 169,50 RM, ab 11. Februar 1948 monatlich 216 RM, wobei mindestens bis Februar 1948 kein Pfennig an Miete gezahlt wurde.

Kantinenwirt Leonhard Meitinger, schreibt am 4. November 1946 in einer Aufrechnung von Gegenständen im Wert von 4.444,80 RM, die am 21. Juni 1945 für das baltische Lager beschlagnahmt wurden.

A us einem Schreiben des Gemeinderates von Haunstetten vom 12. Juni 1947, die Besatzungskosten betreffend:

„[…] Bei der szt. [seinerzeitigen] Beschlagnahme durch die Besatzungsmacht war die Baracke als Küche eingerichtet und ist nun zwischenzeitlich in einen Theatersaal umgewandelt.“

Das Besatzungskostenamt beim Landratsamt Augsburg als Preisbehörde und Preisbildungsstelle hat am 9. Dezember 1947 den monatlichen Mietpreis auf 216,00 RM festgesetzt.

Schreiben des Bürgermeisters Xaver Widmeier am 4. Januar 1949 an die IRO Augsburg, das DP-Camp Haunstetten betreffend:

„Die Postbrauerei Thannhausen ist Eigentümerin des Grundstückes Ecke Flachsstraße/Eggenstraße in Haunstetten. Sie hat dieses Grundstück vor Jahren erworben, um auf demselben eine Gaststätte zu erbauen. Bisher war die Ausführung ihres Vorhabens nicht möglich. Nun soll aber [...] in aller- nächster Zeit mit dem Bau begonnen werden. Hierzu ist jedoch Voraussetzung, daß die beiden vom DP-Camp in Anspruch genommenen Baracken entfernt werden. Zur anderweitigen Wiederaufstellung einer solchen könnte vielleicht der Platz an der Flachsstraße verwendet werden, auf welchem die Gemeinschaftsbaracke stand, die vor einigen Jahren durch Feuer zerstört worden ist.“

Schreiben der Postbräu Thannhausen an die IRO Augsburg, Haunstetter Straße am 21. Dezember 1948:

„Betrifft: D.P.Camp Haunstetten.

Sie haben von uns 2 auf unserem Grundstück Haunstetten Flachsstraße 31-33 befindliche Baracken in mietweiser Benützung. Auf diesem Platz ist der Neubau eines Gasthauses mit Saal [...] seit langem vorgesehen. [...]. Wir möchten Sie deshalb höflichst bitten, dafür Sorge zu tragen, dass Sie unsere 2 Baracken so bald als möglich, jedoch spätestens bis Ende Februar 1949 frei machen.“

Ab 1950 war es nicht mehr Kantine, sondern die “Gaststätte Meitinger“. Ein paar Jahre lang wurden dann für die ehemalige Baukantine unterschiedliche Namen benutzt wie Gaststätte Meitinger, Kantine Meitinger oder Postbräu-Kantine.

S Ab 26. Januar 1950 wird die Baracke nicht mehr von der IRO, sondern von der Besatzungsmacht in Anspruch genommen“.

Nachdem dort die „Ami“ die Herren waren, wurde die Kantine vom deutschen Volksmund bald als „Texasbar“ bezeichnet.

Am Dienstag, 31. Januar 1950 fand in der Kantine Meitinger die erste Versammlung des zukünftigen Motorsportklubs Haunstetten (MCH) statt. Dieses Datum kann als Gründungsdatum angesehen werden.

Ab 1952 war es dann die “Postbräu-Kantine”. Flachsstraße 31.

Vermutlich haben die Amerikaner die Kantine nicht sehr lange beansprucht, denn am Samstag, 31. Mai 1952 veranstaltete die Siedlergemeinschaft der Breitwiesensiedlung in der „Gaststätte“ Meitinger einen Maitanz. Am 21. Juni 1952 wurde in der „Kantine Meitinger“ ein Preisschafkopfen veranstaltet.

Die „Postbräukantine, vormals Meitinger“, machte Reklame für eine Tanzveranstaltung am Sonntag, 29. Juni 1952.

„Die Amerikaner erklärten 1952, etwa 100 bedürftige deutsche Kinder in der Weihnachtszeit bescheren zu wollen. Die Mittel hierfür wurden von den Familien ausschließlich selbst aufgebracht. Im Rahmen einer am Samstag, 20. Dezember um 14 Uhr, stattfindenden Weihnachtsfeier in der Postbräukantine an der Flachsstraße (Pächter Heinrich Köhler) wurden die Geschenke den Kindern überreicht; desgleichen wurden sie mit Kakao und Kuchen bewirtet.“

Die Haunstetter Zeitung berichete am 24. Dezember 1952, dass rund 150 Kinder daran teilgenommen haben.

Zeitungsanzeige vom 10.Januar 1953: In den neu renovierten Räumen des Postbräustüberls, vormals Kantine Meitinger, wurde ein „grosser Maskenball“ veranstaltet. Eintritt 1,00 DM. Wirtsleute: Heinrich Köhler mit Frau.

Das zwischen 1955 und 1960 erbaute Postbräustüberl. Bild: Karl Wahl

Am 12. März 1955 vernichtete ein Feuer die Postbräukantine. Auf der gleichen Stelle wurde die Gastwirtschaft „Postbräustüberl“ erbaut.

Im August 1955 war Baubeginn für das „Postbräustüberl“ und am Freitag, 23. September 1955, war das Richtfest für das Postbräustüberl.

Aus einer Zeitungsmitteilung:

„In der seit längerem erbauten und in Betrieb genommenen Gaststätte „Postbräustüberl“ in der Flachsstraße, veranstaltet am Donnerstag, den 12. April 1956, Herr Hans Schmid mit Frau nunmehr seine offizielle Geschäftseröffnung.“

Am Samstag, 18. Januar 1957 wurde im Postbräustüberl das Prinzenpaar des Faschingsvereins „Zoigrabindr“ für 1957, Prinzessin Mizzi und Prinz Günter der Erste inthronisiert. Der Schlachtruf war „Lach am Lochbach“.

1960 ist die Familie E. Iwan Inhaber des Postbräustüberl.

1962 betreibt die Gaststätte K. Köhler mit Frau.

Ende 1970 wird das Postbräustüberl von Familie Boneberger geführt.

Das Postbräustüberl wurde Ende 1999 geschlossen und im November 2000 abgebrochen.

2001 wurden auf der Stelle zwei Häuser mit Eigentumswohnungen erbaut und 2002 noch ein drittes Haus.

Der Abbruch des Postbräustüberls und die Bebauung des Grundstücks mit Wohnhäusern sind angekündigt. Bild: Karl Wahl

Die Bebauung des Grundstücks mit Wohnhäusern ist angekündigt. Bild: Karl Wahl

Das Postbräustüberl ist bereits „ausgeschlachtet“. Bild: Karl Wahl

Das Postbräustüberl ist abgebrochen. Es liegen nur noch Schutt und die zersägtem Bäume auf dem Grundstück. Bild: Karl Wahl

Im Dezember 2000 ist das Grundstück fast leergeräumt. Bild: Karl Wahl

2012 erinnert nichts mehr an die Metzgerei Festerling. Bild: Karl Wahl

 

NACH OBEN
6. Das US-Camp

Die für die Balten und Ausländer beschlagnahmten Wohnungen in der Heimbausiedlung waren bis 1950 freigeworden, weil sie mit Hilfe der IRO ausgewandert waren in die USA, nach Kanada und nach Australien.

Aus der Zeit des US-Camps in Haunstetten gibt es kaum Fotos. Hier marschieren die „Ami“ über die Kreuzung, wo die Landsberger-, die Königsbrunner-, die Tattenbach- und die Inninger Straße zusammentreffen. Im Bild rechts ist das ehemalige Gasthaus „Linde“ zu sehen. Es muß ein festlicher Anlaß gewesen sein, weil die Linde beflaggt ist, die „Ami“ Ausgehanzug tragen und die paar Menschen, die ganz links am Bildrand zu sehen sind, festliche Kleidung tragen. Möglicherweise war es die Erhebung von Haunstetten zur Stadt am 6. September 1952. Bild: Sammlung Wahl

Nun übernahm die US-Armee alle diese Wohnungen. Das bisherige DP-Lager in der Heimbausiedlung wurde am 10. Februar 1950 zum amerikanischen Hoheitsgebiet. Es wurde zum Camp für die US-Army.

Bekanntmachung vom 10. Februar 1950:

„Das ehemalige DP-Lager ist nunmehr amerikanisches Hoheitsgebiet“. Die Wachmannschaften sind angewiesen, Passanten und Fahrzeuge, welche das ehemalige DP-Lager passieren, anzuhalten und festzunehmen. Die Bevölkerung wird ersucht, die Straßen des ehemaligen Lagers nicht zu betreten, da sie sonst nur Unannehmlichkeiten und Strafen zu erwarten hat.“

Das Besatzungskostenamt Augsburg teilte am 3. März 1950 der Wohnungsgesellschaft Heimbau Bayern mit:

„ Ab 26.1.1950 ist Ihre Siedlung nicht mehr für Zwecke der IRO sondern für Zwecke der Besatzungsmacht beschlagnahmt.“

Bis Juni 1950 wurde das Camp für „Zwangsverschleppte“ im Bereich der Messerschmittsiedlung zur Wohnanlage für Angehörige der US-Armee hergerichtet. Jeweils zwei Wohnungen einer Etage wurden zu einer Wohnung umgebaut . Im Dachgeschoß war auf der einen Seite des Treppenhauses eine kleine Wohnung für „Single’s“ und auf der anderen Seite war der Trockenraum zum Wäsche aufhängen bei schlechtem Wetter.

Die Luftaufnahme zeigt u.a. das Heizhaus der „Ami“ zwischen der Fink- und der Starstraße. Im Bild oben links stehen schon die ersten Häuser der „Flüchtlingssiedlung“. (Marienburger-, Egerländerstraße usw.) Bild: Sammlung Wahl

Zwischen der Fink- und Starstraße wurde eine Zentralheizungsanlage errichtet und in sämtlichen Wohnungen Zentralheizung eingerichtet. Die Gesamtkosten betrugen damals rund 900.000 DM.

In dem Camp wurden Unteroffiziersfamilien der US-Army untergebracht. Nach einer anderen Aussage waren es Offiziere der US-Army, die in Kaufbeuren Dienst taten und später die ersten Piloten der neuen deutschen Bundeswehr geschult haben.

Aus einer Verlautbarung des Bundes-Finanzminister Zietsch vom 2. März 1956 wurde das Camp „ […] für die Unterbringung amerikanischer Unteroffiziersfamilien umgebaut.“

Die Amerikaner bauten die 318 requirierten Wohnungen zu 143 Familienwohnungen um. Sie hatten vor, Deutschland für lange Zeit besetzt zu halten, damit den NAZI eine „Wiederauferstehung“ unmöglich wurde. Sie holten deshalb auch ihre Familien nach Deutschland.

Die „Ami-Siedlung“ wurde anfangs scharf bewacht. Es gab Kontrollposten an den Zufahrten und es waren bewaffnete Fußstreifen unterwegs.

Das anfängliche Sicherheitsbedürfnis der „Ami“ war bald erloschen, nachdem sie erkannt hatten, dass die Deutschen ganz normal und in Ruhe leben wollten. Zwischen den „Ami“ und den Deutschen gab es bald keine misstrauische, vorsichtige Zurückhaltung und Ablehnung mehr. Es entstanden Bekanntschaften und Freundschaften. Die deutschen Kinder spielten zusammen mit den „Ami“-Kindern. Es entstanden auch manche „zarte Bande“. Aus der Messerschmitt- und der Heimbausiedlung gingen dann auch mehrere Mädchen mit nach Amerika.

Aus der Haunstetter Zeitung vom 5. Juni 1953:

„Wohngebiet der amerikanischen Besatzungsangehörigen in der Messerschmitt-Siedlung: Es besteht Veranlassung, auf folgende Anordnungen, die leider nicht immer beachtet werden, besonders hinzuweisen:

„1. Es ist verboten, dort aufgestellte Abfalltonnen zu durchsuchen und irgendetwas aus ihnen zu entnehmen. [...]“.

Es hatten regelmäßig manche Haunstetter in den Abfalltonnnen der „Ami“
herumgesucht. Die US-Soldaten lebten als Sieger in einem für die arm gewordene einheimische Bevölkerung unvorstellbaren Luxus. Die NAZI haben zwar immer und ewig vom Wohl des deutschen Volkes geschwafelt, aber wegen der Sucht nach dem noch viel größeren Großdeutschland wurde fast alles in die militärische Rüstung gesteckt.
In den Abfalltonnen der „Ami“ konnte man beispielsweise finden: Halb gerauchte Zigaretten, eine weggeworfene Zigarettenpackung mit noch einer Zigarette darin (die damals am meisten gerauchten amerikanischen Zigarettenmarken waren Pall Mall, Camel, Lucky Strike, und Chesterfield), zentimeterlange Zigarrenstumpen, weiterhin noch verpackte Kaugummis, unbenutzte, verpackte Kondome (im Volksmund „Pariser“ genannt), angebrochene oder nicht aufgebrauchte Lebensmittel, Coca Cola-Flaschen (sie waren wertvoll wegen des Pfandes). Manche Frauen suchten nach den Kaffeefiltern mit dem schon einmal aufgebrühten Bohnenkaffee. Damit wurde dann zu Hause nochmals ein Sonntagskaffee aufgebrüht. Bohnenkaffee war damals für den normalen einheimischen Menschen ein Luxus, man konnte sich nur Ersatzkaffee der Marke „Quieta Grün“ (ohne Bohnenkaffee) leisten. Die Menschen, die in den amerikanischen Abfalltonnen herumsuchten, hatten schnell den Spitznamen „Tonnagruschtler“ weg.

Die Brennstoffkarte – gültig vom 1.4.1948 bis 31.3.1950 – zeigt, dass auch nach der Währungsreform von 1948 vieles noch rationiert und bewirtschaftet war. Bild: Karl Wahl

Aus einer Verlautbarung des Bundes-Finanzminister Zietsch vom 2. März 1956:

„Im Jahre 1954 hatte die US.Armee beabsichtigt, diese Siedlung in Zusammenhang mit der Errichtung von Besatzungs- und Austauschwohnungen abzustoßen, da sie nicht mehr den amerikanischen Bedürfnissen entspreche. Die Interessengemeinschaft der Besatzungsgeschädigten in Augsburg-Stadt und Land hat gegen diese beabsichtigte Freigabe sofort Vorstellung beim bayerischen Staatsministerium der Finanzen erhoben und darauf hingewiesen, daß eine Freigabe dieser Siedlung so lange unterbleiben müsse, als nicht die letzten in der Stadt Augsburg und in den Randgemeinden Göggingen, Stadtbergen, Steppach und Westheim noch in Anspruch genommenen Ein- und Zweifamilienäuser im Eigentum privater Hand von den Streitkräften freigegeben sind.“

Nach zwölf Jahren gab die US-Army , am 1. Juli 1957 die beschlagnahmten 318 Wohnungen in der Heimbausiedlung frei und an die Heimbau Bayern zurück. Die „Ami“ zogen in das neu erbaute „Centerville“ in Augsburg.

Übergebender war der stellvertetende Kommandeur des Flugplatzes Oberst Eugene Stevens (Alter Flugplatz).

Der stellvertetende Kommandeur des Flugplatzes Oberst Eugene Stevens (Alter Flugplatz) übergibt die Wohnungen an Haunstettens Bürgermeister Karl Rieger. Bild: Sammlung Wahl

Bei der Übergabe waren mit dabei: Landrat und MdL Strohmayr, 1. Bürgermeister Karl Rieger, 2. Bürgermeister Lorenz Brünner, Oberregierungsrat Fritz Mack vom Bayerischen Finanzministerium sowie Vertreter der Eigentümerin „Heimbau Bayern“ in München.

Die Wohnungen wurden bis spätestens 15. August 1957 restlos geräumt. Die Fernheizungsanlage ging in die Bundevermögensverwaltung über.

Weil immer noch Wohnungsnot herrschte, wurden die großzügigen
„Ami“-wohnungen sogleich wieder in den ursprünglichen Zustand zurückgebaut.
Aus einer „Ami“-wohnung wurden also wieder zwei Wohnungen für Einheimische.
Ein Hinweis zur herrschenden Wohnungsnot: 1958 standen die vielen Baracken in Haunstetten noch zu fast 100 Prozent und sie waren alle vermietet.

Hierzu eine Bekanntmachung vom 27. Februar 1953:

„Auf dem stadteigenen Grundstück Sämannstraße PlNr. 1311 stehen Wohnbaracken, für welche ein Pachtpreis von 10 DPf je qm und Jahr festgesetzt wird.“

Gegen den Rückbau der Wohnungen lässt sich auch nachträglich nichts einwenden. Aber dass auch gleich die Fernheizanlage abgebrochen und die Zentralheizungen in den Wohnungen wieder herausgerissen wurden, das war keine Notwendigkeit, es war eine Blödheit „ersten Ranges“.

Als der Autor einmal von den Kondomen erzählte, wurde ihm das nicht geglaubt. Dazu eine Episode: Der Autor wohnte in der Nähe des Alten Flugplatzes. Dort veranstalteten die „Ami“ fast jedes Vierteljahr eine große Feldparade. Dazu fuhren stundenlang viele Kampfpanzer und hunderte LKW mit Soldaten auf der Ladefläche auf und viele „Jeeps“ auf.

Mittags wurden die Soldaten aus Feldküchen verpflegt. Da trieben sich viele Buben aus der Nähe auch herum. Man bekam mal eine 50-Garmm-Tafel Cadburry-Schokolade geschenkt oder eine Rolle Drops. Wenn mehrere tausend Soldaten viele Stunden auf dem Flugplatz verbracht hatten, dann musste ein Aufräumkommando einiges an liegengelassenem Abfall wegräumen. Das war für uns Buben hochinteressant. Da waren auch Kondome, zu sechsen in einer Reihe eingeschweißt, zu finden. Dem Räumkommando war es egal, dass wir die mitnahmen. Wir wussten allerdings nicht, für was sie bestimmt waren. Wir haben sie aufgeblasen, als Luftballone damit gespielt und uns gewundert, was die „Ami“ für komische Luftballone haben.

Man mag sich fragen, weshalb denn an die „Ami“ so reichlich Kondome ausgegeben wurden. Außer den überall vorkommenden „Nutten“ hat sich auch die eine oder andere Frau, die ausgebombt , allein oder Witwe war, prostituiert. Aus der Siedlung tat dies auch eine Frau, die sogar ihre noch minderjährige Tochter mit zu den „Ami“ genommen hat.

NACH OBEN
7. Die Nachkriegszeit

Nach dem II. Weltkrieg konnten das im Garten gezogene Gemüse und die geschlachteten Kleintiere mit dazu beitragen, die größte Not zu überwinden.

N ur Kinder von berufstätigen Müttern wurden in den Haunstetter Kindergarten gegeben. Für die allermeisten gab es keinen Kindergarten, keinen Kinderhort und keine Hausaufgabenbetreuung, wo sie ständig unter Beaufsichtigung und unter Anleitung zur Freizeitgestaltung gestanden hätten. Allein der südliche Teil der Siedlung hat rund 600 Mietwohnungen, was zu einer riesigen Zahl an Kindern führte. Der damalige Haunstetter Kindergarten hätte sie gar nicht alle aufnehmen können.

Die Kinder konnten darum in ihrer Freizeit tun und lassen, was ihnen gefallen hat.
Da gab es dann mannigfaltige Spiele: Schneid’rle, Schneid’rle leih‘ m’r dei Scher‘ – Völkerball – Tretzball – Jägerball – Zehnerball – V’rschdeggus (Versteckspiel) – Fangus (Fangenspiel) – Schdroßadreiba (Straßentreiben) – Länderspiel – Kaiser, wieviel Schritte darf ich gehn? – Schdrigghupfa (Seilspringen) – Käschdlahupfa – Kreiseln – Schussern und Roifla (eine Fahrradfelge wird mit der Hand getrieben).

Einige davon, hauptsächlich die Ballspiele, fanden auf den Straßen statt. Sie waren damals schon aphaltiert, so dass man gut darauf rennen, springen und hüpfen konnte. An den Straßenrädern parkte noch kein einziges Auto und auf den Straßen fuhr höchst selten ein Auto. Im Herbst lieferte einige Male „dr Kohlamohr“ (Kohlenhändler Mohr) und manchmal kam „dr Dogdr“ (Doktor, Arzt). Das Verkehrsmittel der Siedlungsbewohner war damals das Fahrrad.

Kinder spielen auch sehr gern die Realität nach.

Wenn die Mädchen „Feine Dame“ mimten, dann mit hoch erhobenem Kopf, hochgezogenen Augenbrauen und gespitztem Mund. Die Oberarme eng am Körper angelegt, die Hände ab dem Handgelenk seitlich und waagerecht vom Körper weggewinkelt und die Finger fein gespreizt, ähnlich wie verkrampft. Der Oberkörper drehte sich bei jedem Schritt mal etwas nach links, dann etwas nach rechts.

Nachdem die Kinder keinen Unterschied zwischen Letten, Esten und Litauern kannten, waren sie für die Kinder alle „Ausländer“. Diese „Volksdeutschen“ sprachen meistens die Sprache ihres Herkunftslandes. Wenn dann die Kinder „Ausländer“ mimten, dann klang das etwa so: Hesch-wesch-zisch-resch-hesch-wras – weschweschweschresch – hesch. Sie hatten viele Zischlaute und viele „Sch“ bei den Ausländern gehört.

Ganz anders klang es, wenn die Kinder „Ami“ mimten: Mau-lau-häd-bäd-gou-naid-gam-iäs. Sie hatten gehört, dass die Ami „wie durch die Nase“ und in einer Art von Kaugummislang sprachen.

Es ist auch sehr eigenartig, dass so viele ältere Mitbürger gar nicht mehr wissen, dass rund die Hälfte der südlichen Siedlung (Heimbausiedlung) mit den Balten belegt war. Allgemein ist nur noch bekannt, dass nach dem Krieg die „Ami“ da waren.

Im September 1947 wurde in der Messerschmittsiedlung das 10jährige Jubiläum der „Breitwiesensiedlung“ gefeiert. In der Festschrift dazu steht folgendes Gedicht:

Breitwiese war die Flur genannt.
Wo einstmals mag’rer Graswuchs stand.
Schau heute hin und dir entgegen
Lacht reicher Obst- und Garten-Segen.

Viel schmucke Häuschen stehen da,
Wo man vor dem noch keines sah.
Ein hübscher Garten liegt daneben
Und überall herrscht frohes Leben.

Ja, Siedlerfleiß hat hier gewaltet
Und all das Schöne auch gestaltet
In den vergangenen zehn Jahren,
Die reich gefüllt mit Mühsal waren.

Kaum war das Siedlungswerk begonnen
Und ein paar Jahre erst verronnen,
Da kam der Krieg und seine Not;
Zu manchem Siedler gar der Tod.

Nun fallen keine Bomben mehr,
Und wenn wir schauen rings umher,
Dann wünschen wir, es mög’ auf Erden
Doch endlich einmal Friede werden.

Und neues Leben mög’ erblüh’n,
Daß auch in künftigen Jahren hin
In dieser Siedlung – Gott mög’s geben –
Recht brave, fleiß’ge Menschen leben.

Die vielleicht doch, nach Schmerz und Wehen,
Noch einmal bess’re Tage sehen,
In denen nach der Trübsal Nacht
Auch dann des Glückes Sonne lacht.

Daß reicher Segen überall,
Im Hause und im Kleintierstall,
Und in der Gartenbeete Reih’
Euch immerdar beschieden sei.

Das wünschen wir am heut’gen Tag,
Und wie’s auch immer kommen mag,
Breitweisensiedler haltet Stand
In treuer Lieb’ zum Vaterland!

Vermutlich ist das Gedicht von Bürgermeister Widmeier.

Währungsreform vom 20. Juni 1948

Spätestens etwa eine Woche vor der Währungsreform war den Bürgern weit und breit klar, dass es zu einer Währungsumstellung kommen würde. Schon anno 1936 waren die Preise durch die Nazi eingefroren und damit die Preise absichtlich niedrig gehalten worden. Weil die NAZI riesige Mengen an Papiergeld gedruckt hatten, schwammen die Menschen fast im Geld. Man hätte die Läden leerkaufen können. Diejenigen Geschäftsleute, die Lagermöglichkeiten hatten, füllten ihre Lager und rückten nichts mehr heraus. Viele schlossen ihre Läden wegen angeblicher Krankheit oder weil sie angeblich keine Waren mehr hatten.

Gestern, am 19. Juni 1948, hatten die Lebensmittelläden noch leere Regale, weil sie angeblich ja nichts mehr hatten und auch auf Lebensmittelmarken nichts verkaufen konnten.

In Haunstetten wurde das neue Geld an zwei Stellen ausgegeben. Damals war die Gemeindeverwaltung im Haus der Eichendorffschule, unten links, ein-gerichtet. Dort war auch die Gemeindekasse und das war die Stelle, an der das Geld für Alt-Haunstetten und für das Oberdorf ausgegeben wurde.

Für das Unterdorf und für die Messerschmittsiedlung wurde das Geld in der Turnhalle der ehemaligen Fliegertechnischen Vorschule am Ende der Frühlingstraße (2012 Arberstraße) ausgegeben. (Viele bezeichnen diese Turnhalle fälschlich auch als „die alte Turnhalle“).

Am Geburtstag der „D-Mark“, also an ihrem ersten Geltungstag und über Nacht waren die Regale der Geschäfte plötzlich voll mit einem ungeahnten Warenangebot, das bis dahin offensichtlich gehortet oder zum Teil auf den Schwarzmarkt geschleust worden war.

Die eigentlich noch geltenden Lebensmittelmarken interessierten schlagartig niemanden mehr.

Das durchschnittliche, monatliche Einkommen betrug damals rund 300 DM, ein Pfund Schweinefleisch kostete drei bis vier Mark, ein Ei 35 Pfennig, ein Liter Milch 33 Pfennig, ein Kilogramm Brot 50 Pfennig und eine Semmel vier Pfennig.

Die alten Reichsmarkscheine waren vorläufig noch je 10 Pfennige wert, an Kleingeld man­gelt es. Es gab noch keine Münzen, sondern Scheine zu Fünf Pfennig, 10 Pfennig, eine halbe Mark usw.

Am 1. Juli 1948 wurde noch die Preisstop-Verordnung aufgehoben, beispielsweise die Preisbindung für Obst, Gemüse und Eier.

Im vom Krieg verwüsteten Westdeutschland war das Geld nach der Einführung der neuen Währung im Juni 1948 noch knapp: 40 D-Mark pro Person und die Umstellung der Löhne und Gehälter im Verhältnis von 1:1 auf D-Mark. Doch die Freigabe der Preise und das Unnötigwerden von Bezugsscheinen sorgten dafür, dass von einem Tag auf den anderen Läden und Schaufenster gefüllt waren. Bald „explodierte“ das Wachstum, was dann das Wirtschaftswunder genannt wurde.

Jetzt hatte man neues Geld und die Preisstop-Verordnung war aufgehoben. An allen Ecken und Enden schossen nun kleine Lebensmittelläden, Geschäfte und Kioske wie die Pilze aus dem Boden hervor.

Geschäfte, von denen das Gründungsdatum nicht genau bekannt ist, jedoch bald nach dem II. Weltkrieg eröffnet wurden:

  • Holzapfel, Fritz, Kleinmöbel, Sämannstraße 3.
  • Neumeier, Malergeschäft, Sämannstraße westlich neben dem Siedlerheim.
  • Oljeniczak, Schuhmacher, Baracke in der Sämannstraße, gegenüber der Einmündung der Eggenstraße.
  • Schneider, Johann Bau- und Möbelschreinerei, Pflugstraße 34.

Als Beispiele für Geschäftsgründungen hier einige aus Inseraten in der Haunstetter Zeitung:

2. September 1949:

Michael Wagner („Eselwagner“), Rechenstraße 17: Landesprodukte,
Futtermittel, Kartoffeln, Brennholz, Schweinefutter ect. (Michael Wagner zog mit einem von einem Esel gezogenen Karren durch Haunstetten und bot seine Waren an).

16. September 1949:

„Tempo-Besohl-Anstalt Herbert Paulini, Haunstetten, Breitwiesenstraße 15, ehemalige Maß- und Sportschuhmacherei Johann Rampp Witwe.“
„Georg Schuh & Co., Haunstetten, Groß-Schuhreparatur-Werkstätte,
Sämannstraße 9“. „Ra­dio- Meyer, Haunstetten, Sensenstraße 16“.

23. September 1949:

Paul Walter eröffnete „seit kurzem an der Ecke Sämann-Schnitterstraße eine Herren und Damenschneiderei“. Er empfiehlt sich für die Herstellung von Damenkostümen und -Mänteln sowie wie für Herrengarderobe.

23. September 1949:

Karl Stoll, Fliesen, Bodenbeläge , Wandverkleidungen, Pflugsstraße 8.
Fritz Weise, Amselstraße 5, „sägt und hackt ihr Holz“, „schlitzen von
Band- und Zaunstaketen“.

14. Oktober 1949:

Josef Wegele, Amselstraße und Augsburger Straße 47, gibt bekannt, daß er jetzt für einschlägige Transporte bei Baufirmen auch einen
3-Tonnen-Kipper hat. Gertrud Schupp, Ostlandstraße 13, Trachtenjoppen, Trachtenmäntel, Loden-Meter­ware, Herstellung von Oberbekleidung. Ab 16. Januar 1950 nicht mehr in der Ostlandstraße, sondern in der Ulrichsmahd 30.

28. Oktober 1949:

Michael Wagner (Eselwagner), Rechenstraße 17, Landesprodukte,
Düngekalk, Thomasmehl, Torfmull, Dünger.

2. November 1949:

Hans Schwarz eröffnet am 2. November 1949 in der Sensenstraße 16
ein Spezialgeschäft für Mehl und Mehlerzeugnisse. In der Werbung:
Direkter Mühlenverkauf, in einer anderen Anzeige auch
Mühlenverkaufsstelle.

14. November 1949:

Handweberei Morgenroth, Sämannstraße 20, webt aus alten Stoffresten neue
Teppiche.

18. November 1949:

M. Schmidt, Sichelstraße 5, Textilwaren, Kurzwaren.
Fr. Häring, Sensenstraße 17, Malergeschäft, Möbellackieren, – maserieren. Karl Ettenhofer, Sämannstraße 34, Glaswaren, Bildereinrahmungen. Hans Schwarz, Sensenstraße 15, Hofkiosk mit Mehl und Mehlerzeugnissen, Mühlenverkaufsstelle.

1. Dezember 1949:

Therese Hummel eröffnete in der Breitwiesenstraße 16 ein Geschäft mit
Lebensmitteln, Brotsorten, Biere, Fleisch- und Wurstwaren. Frau Hummel,
war eine Tochter des Metzgermeisters Urban (dessen Anwesen 2012:
Fatihh-Moschee und türkische islamische Gemeinde). Die Fleisch- und
Wurstwaren wurden von Urban geliefert.

2. Dezember 1949:

Es besteht das Geschäft Karl Stehle, Flachsstraße 45, Ladeneingang
Sichelstraße, Leihbücherei, Spielwarenabteilung.

9. Dezember 1949:

Radio Meyer, Sensenstraße 16. Fachgeschäft für Radios aller Fabrikate

16. Dezember 1949:

A. Hackenbuchner, Sämannstraße 40, Schreibwaren, Tabakwaren,
Schulartikel, Papierwaren.

30. Dezember 1949:

P. Gumpp hat seine Flaschenbierhandlung in der Pflugstraße 19 an
O. Hauber, Pflugstraße 27 übergeben. Gumpp betreibt auch einen Kiosk
.

1950:

Es besteht das Geschäft “Kolonialwaren und Futtermittel, Fam. Erlebach,
Amselstraße 4″, (im Keller!) sowie im gleichen Haus Gerald Erlebach mit
Radio und Nähmaschinen.

Es besteht die Sattlerei und Polsterei von Adam Lindner mit Frau,
Breitwiesenstraße 7.

Es besteht das Geschäft Lebensmittel, Rauchwaren (Tabakwaren), M. Lohr, Flachsstraße 33.

Es besteht die Bäckerei und Konditorei Gebrüder Riedlberger, Gögginger
Straße 54 (2012 Kopernikusstraße).

A. Grewe, Sämannstraße 31, repariert und fertigt Lederhosen neu an.

A. Geiss, Damen- und Herrenschneiderei Rechenstraße 10, fertigt Anzüge, Kostüme, Mäntel, Hosen usw. an.

Christian Klingler, Sichelstraße 16.

An der Haunstetter Straße, gegenüber der protestantischen Kirche (Christus- kirche) standen ein paar Jahre lang einige Verkaufsstände, u.a. Christian Klingler, Rauchwaren-Spezialgeschäft (Tabakwaren). Wenn im Sommer Badewetter war, dann fuhr Klingler mit dem Fahrrad und mit einer Kühltasche an den Lochbach, wo gebadet wurde und verkaufte „Steckerl-Eis“.

BMA-Waren Maria Ruppert, Breitwiesenstraße 30.

BMA-Waren Konrad Schrei­ber, Süd-Ost-Ecke Flachsstraße / Heimbaustraße, davor Tölpel (Flaschenbier, Getränke, Süßigkeiten, Tabakwaren). Konrad Schreibar hat das Geschäft übernommen und stark vergrößert.

Es besteht die Schrotthandlung Emilie Bauer, Ostlandstraße 13.

3. März 1950:

Die Schneiderei Paul Walter, bisher Ecke Sämann / Schnitterstraße ist ab
1. März in neuen Räumen, und zwar in der Sämannstraße 9.

9. Juni 1950:

Wilma Stehle, Flachsstraße 45, Lebensmittelgeschäft mit eigener Fleisch-
und Wurstabteilung. Alleinverkauf des echt niederbayerischen Bauern-
geräucherten. Ab 9. Juni 1950 mit eigener Milchabteilung, Butter, Eier.

21. Juli 1950:

Es besteht das Friseurgeschäft Wilhelm Luginsland in der
Sämannstraße 5.

1. Dezember 1950:

Die Geschäfte von Wilma Stehle, Flachsstraße 45, Kolonialwaren, Fleisch-
und Wurstwaren, Milch, Butter, Eier, gehen ab 1.12.1950 in den Besitz
von E. und A. Thomas über.

Eugen Kriegshäuser, Sämannstraße 37 sucht leere Weißwein-und
Rotweinflaschen zu kaufen.

22. Dezember 1950:

Das Café Czerny in der Sämannstraße wird am 25. Dezember 1950 von
Fanny und Alfred Gahse übernommen.

29. Dezember 1950:

Ria Stempfle eröffnet am 2. Januar 1951 in der Sämannstraße 10 eine Filiale der Pferdeschlächterei Josef Bauer in Augsburg.

1951:

Emilie Kauer betreibt in der Amselstraße 3 eine Damenschneiderei.

Johann Schurrer, Amselstraße 16, betreibt in Haunstetten eine Schrott- und Metallhandlung.

27. April 1951:

G. Schupp, Herstellung von Oberbekleidung, gibt bekannt: „…den Einzelver kauf meiner Trachten- und Sportbekleidung in Haunstetten der Fa. Bela-Kiosk, Inh. B. Lautner, Georg-Käß-Platz übertragen habe.“

1952:

Laufmaschenreparatur, prompt, preiswert, akkurat, bietet an Unterreiner,
Amselstraße 7. [Unterreiner verkaufte im Wohnungsflur auch Flaschenbier. Im Flur stand dazu ein großer „Eisschrank.“ Damals gab es noch keine elektrischen Kühlschränke. Als Kühlmittel wurde Eis in großen Stangen von der Augsburger „Eisfabrik“ bezogen. So eine Stange maß etwa einen Meter in der Länge und etwa 20 mal 20 Zentimeter im Querschnitt]

R. Erlebach, Lebensmittel, Spirituosen, Breitwiesenstraße 35. Erlebach hat danach an die Südbaracke „Im Felde“ an der Strirnseite zur
Breitwiesenstraße hin einen Kiosk angebaut.

Hans Suhrbier, Sämannstraße 19, Rückgebäude, Maßschneiderei für
Damen- und Herrengarderobe.

Schrott und Metalle, Papier und Lumpen kauft Dora Czerny, vormals
Schurrer, Gögginger Straße (2012 Kopernikusstraße).

Malereibetrieb Eberle und Lucas, Breitwiesenstraße.

15. Februar 1952:

„Gebe der Einwohnerschaft von Haunstetten bekannt, daß ich ab 16. Februar 1952 mein Cafe wieder selbst führe. Antonia Czerny.“

20. Juni 1952:

Frieda Kießling, Wäsche, Plätte, Gardinenspannerei, Kaltmangel.
„jetzt Breitwiesenstraße 32“.

1. Oktober 1952:

Gerald Erlebach, Amselstraße 4 inseriert als das „1. Fernsehgeschäft am
Platze“ für Marken-Fernsehgeräte ab 675 Mark und bietet Ratenzahlung bis zu 18 Monaten an. Amselstraße 4 im Keller.

18. April 1953:

Familie Martin Fessl hat das Cafe Czerny in der Sämannstraße 36 käuflich
erworben und eröffnet es am Samstag, 18. April 1953.

Sebastian Hiesinger aus der Drosselstraße 10 hatte einen zweirädrigen
Handkarren, mit Obst und Gemüse beladen. Damit stand er regelmäßig
auf der Verbreiterung der Flachsstraße (Beck-Mayr-Platz) und verkaufte
dort so alles, was er aus seinem Garten ernten konnte. Das Meiste holte er
aus der Augsburger Schrannenhalle. Er muß dazu mindestens ein Mal
wöchentlich seinen Handkarren die rund sechs Kilometer bis zur
Schrannenhalle und zu zurück geschoben haben.

Ohne genaues Darum, jedoch bald nach der Währungsreform:

Keller, Otto, Schlosserei, Sämannstraße 17,
Heßler, Paul, Elektrogeschäft, Sensenstraße 1.

Die Guatslawährung

Nach der Währungsreform gab es erst mal keine Münzen, sondern nur Papiergeld ab 5 Pfennig aufwärts.

Die Lebensmittelpreise waren aber sehr oft nicht auf fünf Pfennig abgestimmt. Eine Semmel kostete z.B. vier Pfennig. Da hatte es sich eingebürgert, statt Pfennigen billigste, primitive Bonbons herauszugeben. Als es bald darauf Kleingeld als Münzen gab, blieben viele, besonders Geschäftsfrauen, dabei, statt den neuen Pfennigmünzen weiterhin Bonbons herauszugeben. Dies wurde besonders praktiziert, wenn Kinder einkauften. Da konnte es vorkommen, dass eine dümmliche Mutter ihrem Kind Vorwürfe machte oder ihm sogar eine „Watschn“ (Ohrfeige) gab, weil es angeblich lügen würde, denn sie selbst bekäme nie Bonbons statt Pfennigen heraus.

Der Autor war damals zehn Jahre alt und bekam in einem kleinen Lebensmittelgeschäft in der Tannenstraße auch immer die billigen Bonbons anstelle von Pfennigmünzen heraus. Das ging so lange, bis der Autor einmal eine kleine Handvoll der Bonbons sammelte, bei einem Einkauf zuerst die Ware zu sich nahm und dann neben dem normalen Geld auch mit den Bonbons bezahlte. Von da an bekam keiner meiner Familie mehr Bonbons statt Pfenigmünzen.

Bäckerei Mayr:
Erlaubt war ihm, ab früh um vier zu backen. Er sagte aber, wenn er nicht um drei Uhr morgens anfange, dann kann er seine Backwaren nicht rechtzeitig zur Ladenöffnungszeit zu den Lebensmittelläden bringen, die seine Backwaren verkauften. Er belieferte auch eine ganze Reihe von Werkskantinen bis nach Stettenhofen.

Ein/e missgünstiger/e und besonders boshafter/e und streitsüchtiger/e Nachbar oder Nachbarin hat ihn deshalb X-Mal angezeigt. Seine Fahrer, die die Backwaren ausfuhren, stellten ihre Fahrzeuge sogar ziemlich weit von der Bäckerei ab und trugen alles von der Bäckerei zu den Autos: Anzeigen. Was er unternahm, es nützte alles nichts, der Nachbar oder die Nachbarin blieb stur und boshaft.

Die Bereitschaftspolizei im Königsbrunn musste hin und wieder sehr früh zu einem Einsatz irgendwohin fahren und brauchte zu dem sehr frühen Frühstück und als Tagesverpflegung auch sehr früh das Brot und die Semmeln. Weil Mayr nicht vor vier Uhr seine Backwaren ausfahren durfte, kam es hin und wieder vor, dass die Bereitschaftspolizei die Backwaren selbst bei ihm schon vor vier Uhr abholte. Die Polizei anzuzeigen traute sich der/die Nachbar/in wohl denn doch nicht. Als Mayr endlich „die Schnauze voll“ hatte, schloß er das Geschäft und ließ sich in Königsbrunn nieder.

Am 30. Juni 1948 lebten in Haunstetten noch 1.846 DP‘s mit IRO-Status.

21. Oktober 1949:

„Die Lebensmittelkarten für die 132./133. Zuteilungsperiode werden [...] in der Kartenausgabestelle, Schulstraße 5 (2012 Dudenstraße], ausgegeben.“ Haushaltsgruppe I: Oberdorf; Haushaltsgruppe II: Unterdorf; Haushaltsgruppe III: Siedlung.

16. Februar 1957:

In das Vereinsregister wird die „Messerschmitt-Siedlergemeinschaft Augsburg-Haunstetten e.V.“ eingetragen.

1. März 1958:

Kurt Leuthe eröffnet in der Flachsstraße 29 die „Postbräu-
Garage mit “erstklassiger Wagenpflege und Tag- und Nachtdienst“.

5. Februar 1960:

Die Messerschmittsiedlung hat eine „Jungsiedler-Gruppe“.
Die „Altsiedler“ sprachen zwar groß auf und schafften an, aber taten wenig. Daraufhin taten sich einige „Jungsiedler“ zusammen. Sie arbeiteten u.a. mit bei der Kanalisierung, renovierten das Siedlerheim, brachten den Kinderspielplatz in Ordnung.

 

Die Gemeinschaft der Breitwiesensiedlung gratuliert „ihrem Mitbegründer“ X. Widmeier zum 60.Geburtstag. Bild: Sammlung Wahl

 

Die Siedlergemeinschaft feierte am 4. und 5. August 1963 ihr 25jähriges Bestehen.
Bild: Sammlung Wahl

An den Häusern, hier die westliche Südseite der Sämannstraße, ist noch deutlich die ehemalige Gleichförmigkeit der Siedlungshäuser zu erkennen. Bild. Karl Wahl

 

An den Häusern, hier die östliche Seite der Sichelstraße ist noch deutlich die ehemalige Gleichförmigkeit der Siedlungshäuser zu erkennen. Bild. Karl Wahl

NACH OBEN (Texte & Bilder: Karl Wahl | Archiv Karl Wahl)